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J01 purpleDas Jazzfest Bonn machte mit seiner siebten Auflage genau da weiter, wo es im vergangenen Jahr aufgehört hatte. Nur noch ein bisschen größer und kontrastreicher.

 Von Thomas Kölsch.jazzfest bonn caecille norbyjazzfest bonn Caecille Norby © Thomas Kölsch
Elf Abende mit insgesamt 22 Konzerten standen auf dem Programm, verteilt über drei Wochen und gespickt mit Künstlern, die die Grenzen und auch die Essenz des Jazz neu zu definieren versuchen. So radikal wie in diesem Jahr hat das von Peter Materna organisierte Festival den Kunst- und Musikbegriff noch nie infrage gestellt. Auslöser war das Konzert von Sidsel Endresen und Stian Westerhus, die herkömmlichen Begriffen wie Tonalität, Harmonie und Melodie eine nahezu vollständige Absage erteilten. Als Noise könnte man beschreiben, was die beiden Norweger da trieben, als Ansammlung von Geräuschen, die manche Zuhörer in die Flucht trieben – und andere in die Ekstase. Ähnliches galt, wenn auch in abgeschwächter Form, für Nils Petter Molvær, dessen Trance-Trompetenspiel mitunter weitaus stärker im Techno als im Jazz beheimatet war – auch er kratzte an Vorstellungen und Definitionen, suchte auf seine Weise nach einer neuen Klangästhetik und innovativen Formen.

Von diesen Experimentalisten breitete sich das Spektrum aus, vorbei am explosiven Vater-Sohn-Gespann Dauner & Dauner über das herrlich kommunizierende Vijay Iyer Trio und die Jazz-Legenden Dave Liebman und Richie Beirach hin zu jenen Künstlern, die sich eines klareren, klassischeren Melodiebegriffs bedienten, ohne dabei irgendwelche Qualitäten vermissen zu lassen. Ganz im Gegenteil: Aufregend waren sie ebenfalls. Etwa das kolumbianische Sextett fatsO, das zwar noch ein wenig an der Balance zwischen der vierköpfigen Saxofon- und Klarinettenfraktion und der Stimme von Sänger und Bassist Daniel Restrepo feilen muss, mit seiner Mischung aus Soul, Jazz und Blues aber bereits jetzt für Aufsehen sorgte und vor allem einen schönen Gegenpart zu dem am selben Abend spielenden Michael Wollny bot. Soul und Blues hatte auch Bettye LaVette mehr als genug. Die 70-jährige Diva sprühte vor Energie, konnte durchaus auch mal rocken, hielt sich an anderer Stelle dann aber wieder sehr zurück. Mitunter zu sehr: „Nights In White Satin“ bedarf nun wirklich keiner weiteren Entschleunigung. Spaß machte das Konzert aber dennoch, zumal mit Girls In Airports zuvor schon faszinierender Psychedelic Jazz erklungen war.

Einige weitere Künstler gilt es zu erwähnen: Julia Zipprick etwa, die mit warmem, weichem Sopran ebenso begeisterte wie Bassbariton Thomas Quasthoff, der am Eröffnungsabend für den verstorbenen Roger Cicero einsprang und als Crooner das Publikum zu stehenden Ovationen trieb. Auch Lisa Simone war da, das Ramón Valle Trio, der grandiose Pianist Jacob Karlzon – und Cæcilie Norby samt Ehemann Lars Danielsson. Was diese moderne Titania mit einem einzigen Ton für Gänsehaut zu erzeugen vermochte, war einzigartig. Gewissermaßen der Gegenentwurf zu Sidsel Endresen: Die eine strebt nach außen und sucht im Abstrakten nach ihrem Weg, die andere bleibt ganz bei sich. Das Jazzfest Bonn schaffte es, die beiden Pole zu verbinden.