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JAZZTHETIK LiveEin Festival in Wien wagte eine Bestandsaufnahme aktueller Tendenzen des Britjazz.

 Von Christoph Wagner. wien sons of kemet by christoph wagnerSons of kemet © christoph wagner
Cool Britannia – Post-Jazz aus London und Oxford lautete der Titel eines Festivals, das die Wiener Musik Galerie unter der Regie von Franz Koglmann und Ingrid Karl im Sendesaal des ORF veranstaltete. Mit dem Terminus „Post-Jazz“ wurden aktuelle Trends der britischen Szene etikettiert, die – von modernen Positionen ausgehend – in Neuland vorstoßen und dabei liebgewonnene Jazzideale über den Haufen werfen.

Mit einem kurzen Soloauftritt eröffnete Alexander Hawkins den Reigen. Der Pianist aus Oxford verknüpft mit großer Fingerfertigkeit Wegmarken der Jazztradition, um sie durch unkonventionelle Kontextualisierung in ein anderes Licht zu rücken. Neil Charles (b) und Tom Skinner (dr) überführten die Konzeption in einen dichten Ensembleklang, der in sperriger Manier zwischen konkreten und abstrakten Klangsphären hin und her driftete. Obwohl meistens das Klavier die Richtung vorgab, kamen zusätzliche Impulse aus der Rhythmusgruppe, die gelegentlich die Hierarchie von Führungs- und Begleitstimmen auf den Kopf stellte.

Weniger expressiv, dafür mit in sich ruhender Energie spielte danach Polar Bear um Schlagzeuger Seb Rochford einen konzentrierten Set, der aus einem einzigen Stück von etwa einer Stunde Länge bestand. Leafcutter John stimmte mit schimmernden Elektroniksounds das Publikum auf eine musikalische Meditation ein, als deren rhythmischer Herzschlag ein elektronischer Puls fungierte. Akzentuiert durch kräftige Basslinien und perkussive Farbtupfer, entfalteten die Saxofone von Shabaka Hutchings und Matana Roberts darüber ein einfühlsames Zwiegespräch. Die amerikanische Saxofonistin, seit kurzem mit Rochford verheiratet, war kurzfristig für den verhinderten Mark Lockheart eingesprungen und fügte sich mit Bravour in die skurrile Klangwelt der englischen Gruppe ein, die vor zwölf Jahren den Post-Jazz-Trend angestoßen hatte.

Mit Snowpoet stellte sich am zweiten Festivaltag das Sextett der Vokalistin Lauren Kinsella vor. In zumeist lyrischen Stücken schlug die Gruppe aus dem klassischen Songformat frische Funken, wobei durchgehend auf Refrains und Hooklines verzichtet wurde. Vielmehr setzten die Musiker die Songs diszipliniert als musikalische Poesie-Rezitationen in Szene, bei denen ebenfalls elektronische Soundscapes für atmosphärische Spannung sorgten. Danach war Powerplay angesagt. Voller Energie und Spielfreude brachten Sons of Kemet das Festival zu einem runden Abschluss. Die Gruppe von Shabaka Hutchings, dem neuen Star am britischen Jazzhimmel, kann als Westentaschen-Ausgabe einer karibischen Karnevals-Blaskapelle aufgefasst werden: nur Trommeln und Hörner. Mit sich wiederholenden Melodiekürzeln, die zu Brötzmann-artigen Schreien anschwollen, blies Hutchings sich in trancehafte Sphären, wobei ihm der junge Tuba-Spieler Theon Cross mit größter Leichtigkeit auf den Fersen folgte. Als Motor fungierte das Schlagzeuggespann von Tom Skinner und Seb Rochford, das ein prasselndes Trommelfeuerwerk abbrannte.

Mit Cool Britannia hat die Wiener Musik Galerie einen Glanzpunkt gesetzt, der sich blendend in die imposante Tradition der fast 35-jährigen Konzertreihe einpasst.