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JAZZTHETIK LiveAn den drei Tagen des Funchal Jazz Festivals erwiesen sich die großen Namen als Volltreffer.

 Von Christoph Giese.funchal rudresh mahanthappa c renato nunesRudresh Mahanthappa © Renato Nunes
Antonio Sanchez‘ ambitionierte Meridian Suite könnte der Soundtrack zu einem imaginären Film sein und ist in der ausgedehnten, anderthalbstündigen Live-Version wirklich aufregend. Der mexikanische Schlagzeuger und seine Formation Migration lieferten am Eröffnungsabend des diesjährigen Funchal Jazz Festivals ein starkes Konzert ab. Teils abgefahrene Sounds von John Escreet auf dem Fender Rhodes, intensivste Linien auf Saxofon und EWI von Seamus Blake oder die oft textlosen Lyrics der Sängerin Thana Alexa im Verbund mit puschenden, aber auch mal sensibel streichelnden und immer spannenden Rhythmen des Bandleaders schufen eine durchlaufende Suite zwischen experimentellem Jazz, modernem Rock und Elektronik, mit sich kreuzenden und auch wiederkehrenden Linien, die den Zuhörer wirklich packte, auch als der Uhrzeiger Mitternacht längst hinter sich gelassen hatte.

Saxofonist Rudresh Mahanthappa blies ebenfalls bis weit nach Beginn der Geisterstunde in sein Horn unter sternenklarem Himmel im wunderschönen Parque de Santa Catarina. Und was für eine Energie verströmten sein fabelhaftes Quintett und vor allem er selbst auf dem schneidend scharfen Altsax. Dabei müde zu werden – fast unmöglich. Auch wenn so ein fast durchgängig hoher Energielevel irgendwann auch ein wenig anstrengt. Sein Projekt Bird Calls ist live unglaublich erregend. Die Musik Charlie Parkers als Ausgangspunkt, als meist kaum zu erkennende Referenz eines brodelnden Klangkosmos, der auch Mahanthappas indische Wurzeln nicht verleugnet. Bebop als Grundidee für verschlungene Linien und lustvolle Improvisationen. Die fantasievolle Rhythmusgruppe mit Bobby Avey (p), Thomson Kneeland (b) und Rudy Royston (dr), dazu der junge Trompeter Adam O‘Farrill als zweiter, aussagekräftiger Bläser-Solist – dieser Auftritt war einfach heiß.

Vielleicht nicht heiß, aber individuell und verrückt im positiven Sinne präsentierte sich wieder einmal die große Maria João mit ihrem kongenialen Partner Mário Laginha (p) und einer Band mit dem jungen Akkordeonisten João Frade. Der Portugiesin scheinen die Ideen für unvorhersehbare vokale Abenteuer einfach nicht auszugehen. Ja, man kennt ihren auf kleines Mädchen getrimmten Gesang. Und ist dann doch wieder davon fasziniert, vor allem wie sie sich in wildeste Silben- und Geräuschfantasien stürzt, ohne sich dabei jemals zu verheddern. Köstlich, höchst unterhaltsam, voller Emotionen, aber eben auch musikalisch mit viel Inhalt.

Den kann auch das Sexteto de Jazz de Lisboa für sich reklamieren. Die 1984 gegründete Band mit Kultfaktor, die nach sechs gemeinsamen Jahren fast zweieinhalb Jahrzehnte ruhte, ist in veränderter Besetzung wieder aktiv und brillierte mit exzellent gespieltem, zeitlosem Akustikjazz. Mit Gregory Porter setzte der künstlerische Leiter Paulo Barbosa zum Abschluss dann auf eine sichere Karte. Der derzeit populärste Jazzsänger weltweit lockte nicht nur viel Publikum in den Park, sondern ließ alle selig und mit viel Soul im Herzen nach Hause strömen.