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 JAZZTHETIK LiveAn der Ostsee gab’s in diesem Jahr wuchtige Pianisten und viel Frauenpower.

Von Angela Ballhorn.jazzbaltica2016koljaschulze rohr© Kolja Schulze-Rohr
Obwohl Nils Landgren als künstlerische Leiter wieder einmal auf die ganz großen Namen aus Übersee verzichtet und dafür spannende Projekte aus dem Ostseeraum hervorgezaubert hatte, kamen 2016 noch mehr Zuschauer als in den Jahren davor zur JazzBaltica. Wichtige Eckpfeiler des Programms waren die deutschen Urgesteine Joachim Kühn und Wolfgang Dauner, dazu Omar Sosa, Iiro Rantala, Anke Helfrich und Omer Klein, die alle am Flügel zu erleben waren. Aber es gab auch reichlich Frauenpower, etwa bei der ausschließlich weiblich besetzten JazzBaltica All Star Band.

Großartig die Eröffnungszeremonie: Copenhagen Brass holte die Zuschauer in die große Halle, noch war die Schwüle drückend, man hörte nur das Klicken der Segelboottakelagen und das Kreischen der Möwen. Die Frauenbigband unter Leitung von Ann-Sofi Söderqvist riss als Opener das Publikum gleich von den Stühlen. Anschließend ging es zur kleinsten musikalischen Einheit, dem Duo: Dauner & Dauner, Wolfgang am Klavier und Sohn Florian an den Drums, spielten umwerfend, eine Lärmorgie als Kommentar zur Brexit-Diskussion passte ebenso wie der Klassiker „Wendekreis des Steinbocks“. Auch Ulf Wakenius und Iiro Rantala boten Duo-Kunst in Perfektion, kombiniert mit charmanten Ansagen, eleganter Virtuosität und viel Witz. Pianistin Anke Helfrich musste gegen das alljährliche Gewitter anspielen. Blitz, Donner und prasselnder Regen auf dem Blechdach machten das Konzert ihres Trios mit Gasttrompeter Tim Hagans nur noch intimer und spannender. Schlagzeuger Christian Lillinger stellte sein neues Quartett Amok Amor vor – ein mutiger Schritt der Programmplaner, doch das Publikum nahm das wilde Gebräu mit großem Interesse an.

Die NDR Bigband durfte gleich zweimal ran, einmal mit Omar Sosa (p), einmal mit Adam Bałdych (vio). Bei beiden Programmen wären weniger Effekthascherei und ein durchlaufender roter Faden wünschenswert gewesen. So blieb nur Staunen über Sosas rhythmische Finesse und Bałdychs Virtuosentum. Das norwegische Kollektiv Jaga Jazzist hatte die undankbare Aufgabe, spätabends zu spielen, da der umfangreiche Umbau länger dauerte, bis schließlich nur der harte Kern des Publikums geblieben war, aber immerhin mit einer unfassbar dichten Performance und sehr speziellen Sound- und Lichttexturen beschenkt wurde.

Für die Kinder wurde 2016 etwas Besonderes geboten. Die letztjährige IB.SH-JazzAward-Preisträgerin, Saxofonistin Tini Thomsen, hatte Prokofjews Peter und der Wolf wunderschön bearbeitet und dabei etwa die Prokofjewsche Katze lässig mit dem Pink Panther vermischt. Das Projekt mit der kongenial besetzten Hella von Sinnen als Sprecherin brachte Kinder und Erwachsene gleichermaßen zum Lachen. In diesem Jahr ging der JazzAward an die Bassistin Lisa-Rebecca Wulff, deren Open-Air-Konzert leider unter dem Wetter litt.

Mo‘ Blow, das druckvolle Quartett aus Berlin auf Abschiedstour, machte den Rausschmeißer, und natürlich ließ sich Nils Landgren nicht lange bitten und kam für ein paar Songs auf die Bühne. Es wurde so viel getanzt, dass man sich fragte, warum nicht Mo‘ Blow statt Landgrens Funk Unit die Dance Night gestaltete. Gegen Ende des Festivals hatte auch der Wettergott ein Einsehen, die Pfützen trockneten, der Himmel wurde wieder blau und man konnte sich schon jetzt beschwingt die Termine für 2017 notieren (22. bis 25. Juni).