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 Von Holger Pauler.
Die 37. Konfrontationen im burgenländischen Grenzort Nickelsdorf standen unter dem Eindruck der Flüchtlingspolitik und des Rechtsrucks in Europa.nickelsdorf duthoit hautzinger sun konfIsabelle Duthoit & Franz Hautzinger © Elvira Faltermeyer
Wie problematisch das politische Klima ist, wurde besonders bei der „Soundart ‘16“ deutlich. Neben einer Klanginstallation und Konzerten waren auch Zelte, auf denen Flüchtlinge ihre Botschaften geschrieben hatten, Teil der Ausstellung. Das fiktive Flüchtlingslager war im Schaufenster eines ehemaligen Ladens aufgestellt worden. Einige Dorfbewohner wollten mit der Realität allerdings nicht konfrontiert werden und beschwerten sich an höchster Stelle darüber. Die Zelte mussten schließlich entfernt werden, durften aber immerhin vor der Jazzgalerie aufgestellt werden.

Der musikalische Schrei nach Freiheit wurde davon nicht beeinträchtigt: Mehr als 20 Konzerte an vier Tagen zeigten die komplette Bandbreite. Erstes musikalisches Highlight am Freitag war Speak Easy. Die Stimm-Akrobaten Ute Wassermann und Phil Minton waren im permanenten Dialog: Ächzen und Zischen, Lachen und Schreien. Martin Blume (dr) und Thomas Lehn (synth) verstärkten die Handlung mit treibenden Beats und dämonischen Klanggewittern.

Das Quartett Where Is the Sun um Isabelle Duthoit (cl, voc), Franz Hautzinger (tr), Dieb13 und Martin Térelaut (turntables) spielte am selben Abend und verfolgte einen ähnlichen Ansatz, mit feinen Unterschieden: Die Gruppe zeigte sich weniger dynamisch, wirkte dafür filigraner und vereinigte sich beinahe im meditativen Grundrauschen. Zwischen den beiden Konzerten bewies das Trio mit Sophie Agnel (p), John Edwards (b) und Steve Noble (dr), dass ein präpariertes Klavier auch im Uptempo funktioniert und mitunter schräg swingen kann – besonders, wenn es von einer kongenialen Rhythmusgruppe unterstützt wird.

Das Red Trio mit Rodrigo Pinheiro (p), Hernani Faustino (b) und Gabriel Ferrandini (dr) gehört zu den Entdeckungen der vergangenen Jahre. In Nickelsdorf gesellte sich der Saxofonist John Butcher hinzu. Die Musiker spielten sich in einen wahren Rausch: schnell und präzise zugleich, polymetrisch und trotzdem fließend. Am Ende des Konzerts stand Butcher regungslos auf der Bühne, die Augen geschlossen und das Saxofon umklammernd, wartete er auf seinen Einsatz, der allerdings nicht kam, weil er nicht kommen musste – ein begeisterter Zuhörer mehr.

Butchers Auftritt mit Thomas Lehn und dem Pianisten Matthew Shipp am Sonntag war kontroverser. Lehn hatte anfangs mit technischen Problemen zu kämpfen, die sich zwar später legten aber die Spiellaune merklich störten. Erst im Laufe des Konzerts schaffte er es, das harmonische Zusammenspiel Shipps und Butchers in gewohnt unversöhnlicher Manier zu dekonstruieren: Konfrontation!

Den Tag eröffnet hatte Phil Minton‘s Feral Choir. Der Chor, spontan aus Festivalbesuchern und Künstlern zusammengesetzt, gedachte in der evangelischen Dorfkirche des im Mai verstorbenen Posaunisten und langjährigen Nickelsdorf-Gasts Johannes Bauer. Die musikalische Messe war berührend: Menschen die in Zungen reden, vor Wut schreien und sich am Ende versöhnlich geben. Minton dirigierte mit klaren Gesten und stimmte zwischendurch einen kurzen Choral an. Der Auftritt zeigte den offenen Charakter des Festivals, dessen Botschaft gerade in diesen Zeiten wichtiger ist denn je.