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JAZZTHETIK LiveSeit 30 Jahren finden im Sommer nördlich des holländischen Groningen Jazzradtouren statt. Für Einsteiger eine äußerst verwirrende Angelegenheit.

Von Peter Bastian.zomer reeds deedsReeds & Deeds © Peter Bastian
Marcel Roelofs, der Veranstalter der ZomerJazzFietsTour, sagt, sie sei wohl das einzige Festival weltweit, bei dem man mindestens drei Viertel der Konzerte verpasse. Für seine Besucher, darunter auch viele Deutsche, ist das Festival im flachen Westfriesland mittlerweile Kult, und einige haben sogar kein einziges verpasst.

Das Prinzip: An einem Samstag im August werden fünf Fahrradtouren angeboten, die über die Dörfer nördlich von Groningen führen. Die liebliche Landschaft ist so platt wie ein Pfannkuchen, also für jede und jeden machbar. In den Dörfern auf der Tour befinden sich sehenswerte Scheunen, Kirchen, Fabriken und kleine Cafés, in denen die Konzerte stattfinden. Und da beginnen auch schon die Probleme: Schaut man sich lieber The Thing mit Mats Gustafsson, Ingebrigt Håker Flaten und Paal Nilssen-Love mit Joe McPhee als Gast an und verpasst dafür etwa Ab Baars mit Paul Lovens oder Van Kemenade/Wiebos/Kuiper, oder hat man Spaß mit Han Bennink und Jorrit Westerhof und sieht dafür Biondini/Reijseger/Fraanje nicht? Wie man es auch dreht und wendet – für eine komplette Tour kann man sich nicht entscheiden, dafür locken auf den anderen zu viele Highlights. Nur disziplinierte Spezialisten mit 30 Jahren Erfahrung schaffen es, sich letztere herauszupicken und diese auch streng abzufahren. Hat man sich als Neuling einmal für einen Tagesablauf entschieden, wird dieser schnell über den Haufen geworfen, wenn man Freunde trifft und diese einen anderen Plan haben.

Der Tag hat jedoch einen Anfang und ein Ende, und wenigstens dahin kann man zwei kluge Fixpunkte setzen. Die mittlerweile 60-jährige Greetje Bijma hat sich in letzter Zeit auf den Konzertbühnen rargemacht, da sollte man ihr Konzert am Anfang des Tages lieber nicht verpassen. Die Sängerin ist immer noch eine Bank. Sie singt sowohl schöne Songs mit Melodie und Text – wie etwa Abbey Lincolns „Throw It Away“ – als auch wunderbare Improvisationen, bei denen ihr enormer Stimmumfang sowie ihr betörender Obertongesang zum Einsatz kommt.

Bei der Fietstour spielt alles zusammen: Die Musik, die Menschen jeden Alters, das Licht, die Luft, die Scheunen (man sitzt hier auf Strohballen), die Kirchen. Während man Konzerte mit Gebhard Ullmann, Jaap Blonk, Heberer/Manderscheid, Jasper van‘t Hof, Michael Moore, Lotte Anker, Phil Minton oder Jan Klare verpasst, irrt man durch die bezaubernde Landschaft und lässt sich bei blauem Himmel den Wind um die Ohren streichen. Abends dann, in der Garnwerd Kerk, die holländische Legende: das ICP Orchestra, seit drei Jahren leider ohne seinen Mitbegründer Misha Mengelberg, der jetzt 81 und an Demenz erkrankt ist. Aber der zehnköpfige Instant Composers Pool gab trotzdem ein berauschendes Konzert, mit Stücken von Mengelberg, aber auch von Herbie Nichols und Duke Ellington – einfach grandios. Das Publikum war natürlich hingerissen. Die einstündige Rückfahrt nach Groningen bei Nacht, Blitz, Donner und Starkregen war dann allerdings eine bittere Pille.