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JAZZTHETIK LiveBegegnung und Austausch zwischen den Kulturen stehen seit 2005 im Mittelpunkt, wenn das Morgenland in Osnabrück liegt – und Osnabrück im Morgenland.

powered by jazzthetik smallVon Ralf Döring.morgenland losana al zaeem andy spyraLosana al Zaeem © Andy Spyra
Die Morgenland All Star Band ist so etwas wie das Herz des gleichnamigen Festivals. Das Konzept der Formation ist seit dem Debüt im Jahr 2012 so einfach wie wirkungsvoll: Musikerinnen und Musiker aus dem Orient treffen Musiker aus Europa und machen Musik – ernsthaft und mit Leidenschaft. Vom Start weg hat das funktioniert wie eine Küche, in der nicht nur heiß gekocht, sondern auch heiß gegessen wird.

Das ist auch 2016, beim Open Air auf dem Osnabrücker Marktplatz, wieder so. Nur die Zutaten werden von Jahr zu Jahr feiner abgestimmt, die Musik wird artifizieller, gekonnter, ohne Kreativität und Impulsivität einzubüßen. Gut nachhören lässt sich das beim Trompeter Frederik Köster. In seiner Komposition „The House of Eye“ beweist er in einer Melodie über sattem Jazzrock-Groove, wie intensiv er sich dank der All Stars mit den mikrotonalen arabischen Tonsystemen auseinandergesetzt hat. Daraus entwickelt er ein Stück, das der Formation passt wie eine zweite Haut, und dasselbe gilt für „Field Trip To Gouda“, das die syrische Sängerin Dima Orsho dem Ensemble auf den Leib geschrieben hat.

In solchen Stücken wird deutlich, welches Potenzial in dieser Formation steckt. Geige (Ziya Gückan), Klarinette (Kinan Azmeh), Trompete (Frederik Köster) und Gesang – Dima Orsho setzt ihre Stimme oft instrumental ein – mischen sich zu einer einzigartigen Farbe und werden getragen vom orientalischen Puls und von filigranen Jazzharmonien des Pianisten Salman Gambarov aus Aserbaidschan. Zum Höhepunkt findet die Formation schließlich in einer sensationellen Adaption eines syrischen Traditionals durch Kinan Azmeh: In „Al-Ein“ treiben Orsho, Köster, Azmeh und Gückan messerscharfe Riffs in Michel Godards Tuba-Solo oder stellen sich quer zum Metrum, das Christoph Hillmann (dr), Rony Barrak (darbouka) und Andreas Müller (b) pulsieren lassen. Dima Orsho singt die zugrunde liegende arabische Melodie, Azmeh und Köster spielen expressive Soli – das hat Weltformat.

Das Gleiche gilt für drei Konzerte, die der Künstlerische Leiter Michael Dreyer unter dem Titel „The Art of Duo“ zusammengefasst hat. Wobei das den Kern der Sache nicht ganz trifft: Nicht nur zwei Musiker treffen hier jeweils aufeinander, sondern zwei Musikkulturen. Am ersten Abend spielen Kayhan Kalhor, der iranische Meister der Kniegeige Kamanche, und Toumani Diabaté, der Star aus Mali an der Kora, ihr Publikum mit minimalem Material in Trance – zumindest den Teil, der sich darauf einlässt. Am zweiten Abend trifft Salman Gambarov auf Wu Wei, den chinesischen Virtuosen an der Sheng, einer uralten chinesischen Mundorgel, die klanglich dem Akkordeon ähnelt, aber aussieht wie der verwinkelte Turm eines Fantasyschlosses. Parameter wie gemeinsame Tonalität, gemeinsamer Rhythmus, gemeinsames Metrum spielen dabei nicht die entscheidende Rolle; Gegensätze lassen die beiden gelten. Gambarov gibt knackige Funkgrooves vor, Wu Wei rollt pulsierende Minimal-Music-Klangflächen aus, manchmal schweben sie zwischen Himmel und Erde, dann begeben sie sich aufs stoppelige Feld der zeitgenössischen Musik. Den Gipfel des Duo-Spiels erklimmen schließlich das aserbaidschanische Stimmwunder Alim Qasimov und der Franzose Michel Godard. Hier interagieren tatsächlich Kulturen: Godard greift mit dem Serpent die mikrotonale Maqam-Melodik des Mittleren Ostens auf, Qasimov wird zum orientalischen Chansonnier. So funktioniert er, der Dialog der Kulturen.