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JAZZTHETIK LiveVerjüngt und provokant, war das Festival in Saalfelden 2016 ein akustischer Abenteuerspielplatz.

Von Reinhold Unger.saalfelden 16 schindelbeck© Frank Schindelbeck
Edi Nulz und Krokofant. Was der Titel eines Kinderbuchs sein könnte, waren tatsächlich zwei Newcomer-Bands, die beim diesjährigen Jazzfestival Saalfelden für Furore sorgten. Wobei beide Trios mit ihrer gewitzten Verspieltheit (Edi Nulz) und rockig-lärmigen Rotzfrechheit (Krokofant) auch manche Kinderschar hätten zum Toben bringen können.

In seiner 37. Ausgabe präsentierte sich das Referenzfestival im salzburgischen Pinzgau radikal verjüngt. Stammgäste, die sonst ihre kreativen Häutungsprozesse in schöner Regelmäßigkeit in oft spektakulären Exklusivprojekten präsentieren durften, wurden diesmal kaum berücksichtigt (oder, wie etwa Tim Berne und Marc Ducret, in die Nebenreihe Short Cuts verbannt). Dass man dort auch die Paal Nilssen-Love Large Unit „versteckt“ hatte, war ein bisschen schade: Das skandinavische Dutzend hätte mit seinem fulminanten Wechselspiel von hymnischen Themen und kollektiven Ausbrüchen ins Freie sicher auch auf der großen Bühne abgeräumt.

Das Hauptprogramm erwies sich als knallbunte Wundertüte voller Entdeckungen und Kuriositäten. So gab es etwa unterschiedlichste Trompeten-Temperamente zu entdecken: Während sich Daniel Rosenbooms Burning Ghosts als verkappte Heavy-Metal-Band entpuppten, lud Susana Santos Silva zu arg spröden Experimenten ins Klangforschungslabor. Und die Hot 9 um Steven Bernstein schmissen zum furiosen Finale eine mitreißende Party mit generalüberholtem New Orleans Jazz 2.0. Für Saalfelden, seit jeher eine Hochburg der dem Kreativitätsimperativ verpflichteten Konventionsverächter und experimentierfreudigen Stillstandsverweigerer, ein eher ungewöhnliches Event. Selbst hartgesottene Avantgardisten konnten hier das Zucken im Tanzbein kaum unterdrücken.

Auch sonst Gegensätze, wohin man hörte: Hier die frickelige Kammerfolklore von Erlend Apneseth mit seiner Hardanger-Fiddle, da der lustvoll kratzbürstige Großstadtsound von Human Feel. Hier der zeitlos souveräne Jazz (ohne Ab- und Bindestriche) von Saxofonist Marty Ehrlich, dort das Trio Chiri um den koreanischen Sänger Bae Il-Dong, dessen so jazzfernes wie theatralisches Pathos nicht ohne unfreiwillige Komik war und viele befremdete. Doch auch der Koreaner fand vehemente Fürsprecher. Was ganz im Sinne von Mario Steidl, seit 2004 gemeinsam mit Michaela Mayer künstlerischer Leiter, sein dürfte. Hatte Steidl doch schon vor Jahren erklärt, wenn ihm am Ende des Festivals jemand sagen würde, sämtliche Konzerte seien ausnahmslos großartig gewesen, dann habe er wohl etwas falsch gemacht. Will sagen: Ein Festival mit dem Anspruch von Saalfelden muss auch provozieren, Kontroversen anstoßen, eher schwierige Fragen als eindeutige Antworten in den Raum stellen. Kulinarische Durchhörbarkeit wäre da eher kontraproduktiv. Wenn der aktuelle Jahrgang eines eindrücklich zeigte, dann, dass Freiheit im Jazz immer auch die Freiheit des ästhetisch Andersdenkenden einschließt.

Das Auftaktkonzert, traditionell eine Carte blanche für einen österreichischen Musiker und bisweilen eine überambitioniert-krampfige Angelegenheit, gelang Bassist Lukas Kranzlbinder mit Shake Stew vital und sinnlich wie selten. Alles zu überstrahlen schien aber das brillante Sextett des auf seinem Instrument derzeit konkurrenzlosen Sopransaxofonisten Emile Parisien, wobei die Altmeister Joachim Kühn und Michel Portal maßgeblichen Anteil am Gelingen hatten.

Wer Kind genug geblieben ist, an Dinge, in diesem Fall improvisierte Musik, unvoreingenommen und neugierig heranzugehen, für den war Saalfelden 2016 jedenfalls wieder ein aufregender akustischer Abenteuerspielplatz.