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JAZZTHETIK LiveKeine Leichen in Ystad, dafür ein Hundertjähriger, der auf die Bühne stieg und dort stand…

Von Frithjof Strauß. ystad cameron ward und hugh masekelaCameron Ward und Hugh Masekela
Ein aufblasbarer Swimmingpool wurde aufgeschlitzt, und eine 75-Jährige starrte einen 50-Jährigen dermaßen an, während sie sich mit dem Zeigefinger über den Hals fuhr, dass er dies als Morddrohung anzeigte – so die Lokalzeitung. Ansonsten blieb die Woche in Wallanders Krimi-Kleinstadt friedlich. Zwar hatte Vorstand Thomas Lantz, ein verschlagener Ex-Lokalpolitiker, gewarnt, er werde das ganze Festival killen, brächten die Läden nicht mehr Reklame in die Schaufenster. Doch dieser Mahnung wurde schnell gefolgt: Das Plakat mit dem Sax, aus dem bunte Blumen wachsen, zierte fast jedes Geschäft.

Friedfertig blieb auch die Musik, zugänglich und sanftmütig – insofern ist der künstlerische Leiter Jan Lundgren ein Idylliker. Der Ystadjazz diskutiert nicht, sondern imaginiert. Swing und Singbarkeit lösen Dauerlächeln aus und saugen die lokalen Sommerbilder in den Kopf. Eine Riviera aus Jazz: Lundgrens eigenes Trio heißt wie das Mittelmeer: Mare Nostrum. Wie von einer Schiffsbrücke lugt er achtsam über den Flügel und steuert von der Ostsee bei. Richard Galliano spielt den mondän-eloquenten Mediterranen am Akkordeon, und Paolo Fresu den barfüßigen Hirtenknaben mit arkadischer Trompete. Ein Fest für Verzierung und Sentiment.

Bill Mays spiegelte gut die Programmatik: Zum Festivalstart ahmte er 27 Piano-Stilisten nach, von Jelly Roll Morton bis Cecil Taylor. Damit waren – ausgenommen Taylors – die Koordinaten gesteckt. Was Ystad auch auszeichnet, ist er Respekt vor jazzhistorischen Senioren, auf Musician‘s Musicians. Schön, sie (noch, wie man leider sagen muss) zu erleben. Marlene VerPlanck etwa mit hippen Songinterpretationen – oder Bernt Rosengren. Wer einmal Polanskis Das Messer im Wasser (1962) gesehen hat, kann seinen Sax-Sound zu den Bildern des durch polnische Seen kreuzenden Segelbootes nicht mehr vergessen. Das Konzert zum 100. Geburtstag des dänischen Geigenswing-Kings Svend Asmussen geriet zur Sensation, als dieser unangekündigt auftauchte. Die pensionierten Einlasshelfer wollten ihn zunächst nicht durchlassen – sie erkannten ihn nicht, denn dazu waren sie viel zu jung.

Bei Smooth-Erfinder Bob James konnte man hemmungslos einem einst als gefällig verpönten Jazz frönen. Als er „Feel Like Making Love“ in kurzphrasigen Single-Notes einfach und effektiv anschlug, klang er wie ein in die Fusion-Zeit gehobener Count Basie. Ebenso unbeschwert sang Cyrille Aimée, die es repertoiremäßig mit Zaz und Lisa Ekdahl aufnehmen kann. Auch stimmlich gleicht sie den beiden mit Kratzbürstentum und piepsigem Pep.

Es gab wenig ruppig Expressives. Umso eindringlicher saßen die zornigen Protest-Vocals von Hugh Masekela über groß angelegten Groovebahnen. Er mag auch gerne Bären aufbinden: Sein wirklicher Name sei Bengt Törnqvist, erzählte er, und er sei auf Bornholm als blondes Bürschchen geboren worden. Eine Welle habe ihn am Strand gepackt und bis Südafrika gespült. Dort hätten ihn die Leute erst mal gewaschen, und deshalb sei er so schwarz. Eine gescheite Globalhumoreske, die erklärte, warum das Ferne so vertraut ist.