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JAZZTHETIK LiveDie zweite Ausgabe unter der künstlerischen Leitung des Briten Richard Williams war ein großer Publikumserfolg – so schnell ist das JazzFest Berlin lange nicht mehr ausverkauft gewesen.

powered by jazzthetik smallVon Rolf Thomas.jazzfestberlin dombrBrad Mehldau © Dombrowski
Und das ist Williams mit einem ambitionierten Programm gelungen, das bis auf Brad Mehldau und Joshua Redman – die ein solides Set spielten – auf die großen Namen und vermeintlichen Publikumszugpferde verzichtete.

Ein ganz seltenes Jubiläum konnte das Globe Unity Orchestra auf der großen Festivalbühne feiern, denn diese Band hat ihr Debüt vor genau fünfzig Jahren bei den Berliner Jazztagen (wie sie damals noch hießen) gegeben. Am simplen Konzept hat sich nichts geändert: Fünfzehn Bläser, zwei Schlagzeuger und Bandleader Alexander von Schlippenbach am Klavier nehmen Aufstellung und spielen drauflos. Wie ein atmender Organismus wogt dann das musikalische Geschehen von Orkanstärke bis zum Klaviersolo – ab und zu setzt man sich diesem gewaltigen Rausch gerne aus, sogar die Red Hot Chili Peppers ließen sich im Publikum sehen. Dass anschließend die amerikanische Pianistin Myra Melford mit ihrer Band Snowy Egret auf die Bühne trat, ließ im Kontrast sehr schön deutlich werden, dass auch in einem aufgeräumt differenzierten Klangbild innovative und elektrisierende Musik entstehen kann – ein Höhepunkt des Festivals. Zu denen gehörte auch die finnische Band Oddarrang, die kurz vor Mitternacht auf der Seitenbühne mit sinnlichem Bombast-Rock die Welt aus den Angeln hob. Und ganz am Ende zeigte das Oktett des New Yorker Saxofonisten Steve Lehman, wie auch eine rhythmisch hochkomplexe Musik grooven kann.

Dass es zwischendurch auch ein paar Ausfälle zu verzeichnen gab, gehört zur Natur eines Festivals. Das ziellose Gedaddel, das sich Jack DeJohnette mit seinen Partnern Matt Garrison und Ravi Coltrane leistete, war trotzdem eine Enttäuschung, genau wie die flügellahmen Songs, die die amerikanische Singer/Songwriterin Julia Holter mit einer hüftsteifen Band in den Sand setzte.
Der große Improvisator Wadada Leo Smith war gleich zweimal zu erleben: Einmal furios-ungestüm mit seinem eigenen Great Lakes Quartet und dann in der Gedächtniskirche, wo der Dialog mit dem Organisten Alexander Hawkins etwas mühsam in Gang kam.

Ein beeindruckendes Klangbild zeichnete die norwegische Saxofonistin Mette Henriette mit ihrem zehnköpfigen Ensemble, leider inszenierte sie sich sehr weihevoll. Seine Ritual Groove Music paarte der Schweizer Pianist Nik Bärtsch diesmal mit der hr-Bigband, was erstaunlicherweise funktionierte. Und Achim Kaufmann bewies mit seiner für das Festival zum Oktett erweiterten Band Skein, dass auch die freie Improvisation sehr nuanciert und subtil zu Werke gehen kann. Für einen schönen transatlantischen Brückenschlag sorgten Angelika Niescier und Florian Weber, die mit ihrem Quintett, das ansonsten aus New Yorker Musikern bestand, eine leidenschaftliche, nervöse und furiose Musik spielten, die geradezu sinnbildlich für den Jazz des 21. Jahrhunderts steht.

Man wird die leise und behutsame Art, mit der Richard Williams seine Bühnenansagen, aber auch sein Programm bestreitet, vermissen – umso schöner, dass er noch für ein JazzFest im Jahr 2017 verantwortlich sein wird.