Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

JAZZTHETIK LiveEin Jazzfestival auf Schienen? Mit Tickets aus dem Fahrkartenautomaten? Gibt’s alles. Wenn der Jazztrain durch Hamburg fährt.

Von Guido Diesing. jazztrain1 guido diesing© Guido Diesing
Am U-Bahnhof Schlump treffen Welten aufeinander. Die einen wollen schnell ihre Bahn bekommen und drängeln sich an Wartenden vorbei, die gerade einer Big Band zuhören. Ein Mann mit einer Stehlampe in der Hand versucht, unbeschadet Richtung Rolltreppe zu gelangen, während eine Sängerin auf der Bühne ein Scat-Solo beginnt. Musiker gehören in Bahnstationen zum alltäglichen Bild, aber gleich eine ganze Big Band mit PA und Beleuchtung? Die kulturelle Überrumpelung, die einige Bahnkunden sichtlich überrascht, ist Teil eines ungewöhnlichen Festivals, das in Hamburg seit 1998 einmal im Jahr den Jazz in die Stadt hineinträgt. Dabei ist das Bühnenprogramm nur der eher konventionelle Teil der Veranstaltung. Das, warum die meisten gekommen sind, findet eine Etage tiefer statt.

Auf Gleis 2 der U-Bahnstation hat sich bereits eine lange Schlange von Menschen gebildet, die auf die nächste planmäßige Abfahrt des Jazztrains warten. Dazu wird eine übliche U-Bahn zum rollenden Jazzclub umfunktioniert. Vier Waggons und vier Bands machen sich auf den rund 40 Minuten langen Weg einmal rund um die historische Ringstrecke der Linie U3, und das sieben Mal mit wechselnden Bands. Drei Haltestellen auf dem Weg bedeuten die Chance, von einem Wagen zum anderen umzusteigen, um alle Bands einer Runde zumindest kurz gehört zu haben. Auf dem Papier geht das auf, in der Realität ist es schwierig. Der Andrang ist so groß, dass viele lieber auf den einmal ergatterten Sitzen bleiben, als zu riskieren, nach einem Wagenwechsel einen Platz im Gedränge zu haben, der eher an die Rush Hour in Tokio erinnert als an einen Jazzclub.

Doch wer wagt, wird mit Abwechslung belohnt. Die Spanne unter den rund 200 beim Jazztrain auftretenden Musikerinnen und Musikern reicht von Schülern der Jugendmusikschule, die beim Spielen sicherheitshalber ein Auge im guten alten Real Book haben, bis zu Profis wie dem Trio um Keyboarder Peter Ortmann, das die Anfahrt auf die Haltestelle Landungsbrücken passend mit „Down By the Riverside“ untermalt. Am anderen Ende des Zugs beschwört das Quartett FunCuBello mit groovendem E-Bass den „Summer“, bevor die Reise wieder am Ausgangspunkt endet, wo schon reichlich Publikum auf die nächste Runde wartet.

Auf der Bühne in der Bahnstation macht Moderator Benjamin Branzko derweil fleißig Werbung für die Hamburger Jazzclubs und ihre regelmäßig stattfindenden Konzert- und Sessiontermine. Seinen Hinweis auf die prekäre Lage vieler Musiker, die laut der aktuellen Jazzstudie durchschnittlich gerade mal 1000 Euro monatlich verdienen, kommentiert die Neuseeländerin Teresa Bergman, die neben ihm auf ihren Auftritt wartet, mit einem ironisch-ungläubigen „So viel?“. Am Ende des Tages hat die Hamburger Jazzszene sich als lebendig und leistungsstark präsentiert, und auch die Hochbahn kann sich nicht nur wegen des Imagegewinns als Veranstalter eines originellen Events als Sieger fühlen. Hat doch der Tag nebenbei auch bewiesen, welches Verkehrsmittel das zuverlässigste ist. Denn warum schaffte es das Leipziger Quintett Zwei gegen Drei nicht pünktlich nach Hamburg und sorgte für eine Programmänderung? Die Band hatte im Stau gestanden, im Auto. jazztrain2 guido diesingPeter Ortmann Trio © Guido Diesing