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powered by jazzthetik smallVon Michael Schaust.neuwied marius neset michael schaustMarius Neset © Michael Schaust
Vier Bands, bei denen auch die Musiker an den dicken Saiten den Ton angeben, frönten an zwei Tagen unterschiedlichen Formen des Jazz. Da war zunächst Renaud García-Fons mit seinem Trio – poetisch, aktuell bis nostalgisch, von Musette bis Chanson. Der Franzose zeigte sich äußerst beweglich, so als ob er abwechselnd Cello, Geige, Viola da Gamba und Laute spielen würde, und agierte auch intonationssicher mit dem Bogen. Nicht weniger virtuos bedienten David Venitucci das Knopfakkordeon sowie Stephan Caracci die Drums und das Vibrafon. Zunächst eher entrückt, entwickelte sich „ Après la pluie“ zu einem flotten Dreier. In „Je prendrai le Métro“ traten die Vorlieben García-Fons‘ deutlich hervor: Musikformen aus dem Okzident wie Orient, alte wie moderne, vielschichtig und abwechslungsreich ins Stück integriert. „Je me suis fait tout petit“ war eine Hommage an Georges Brassens, die sich leicht schräg anhörte und sich mit der Zeit zu einem spritzigen Mit- und Durcheinander aufbaute – zitternd, vibrierend, klopfend, zupfend wie streichend.

Die Stanley Clarke Band bot ein Programm mit enormer Sprengkraft. Schlagwerker Mike Mitchell (21) ist schwarzes Dynamit, hoch explosiv bis überkochend, aber mit sanfterer Kost auch sehr behutsam umgehend. Beka Gochiashvili (20) gab den ekstatischen Berserker an den Tasten, dem das wohltemperierte Flügelspiel ebenso nicht fremd ist. Und Cameron Graves (30) wusste die elektronischen Möglichkeiten des Keyboards voll auszuschöpfen. Wenn sich Clark (65) mit „Ich bin 100 Jahre alt und heiße Louis Armstrong“ vorstellte, hieß das: Ich bin schon älter, nutze aber meine Band als Jungbrunnen. Und wie der Alte seinen Kontrabass grummeln, grooven, schnurren und singen ließ, war eine Offenbarung. Die Viererbande legte ein höllisches Tempo vor, konnte wunderbar im Balladesken schwelgen und sich kongenial die Bälle zuwerfen. Stürmischer Applaus und ein funky Ende mit tanzenden Leuten nicht nur vor der Bühne.

Noch beeindruckender war die Vorstellung des Saxofonisten Marius Neset im ohnehin grandiosen Trio mit Lars Danielsson (b) und Morten Lund (dr). Der 31-Jährige ging so expressiv zur Sache, als ob Michael Brecker in John Coltrane steckte. Und sein lyrischer Balladenton ist garbarekesk. Danielsson und Lund waren die Souveränität in Person, ihre Leidenschaft litt nicht unter der Routine. Und immer wieder Nesets atemberaubendes, an Albert Ayler erinnerndes, aus dem Stegreif Funken schlagendes Spiel. Dazwischen seine experimentell-schrägen Einwürfe und sein ins Hauchende gehender Wohlklang. Er schaffte es, Komplexes leicht und locker rüberzubringen.

Das gelang auch dem Tingvall Trio. Martin Tingvall (p), Jürgen Spiegel (dr) und Omar Rodriguez Calvo (b) setzten ihren kreativen Kessel mit Pop, Latin, Tempojazz und ruhiger nordischer Klassik unter Hochdruck – vom Tänzerischen über entspannten Barjazz bis zum schwelgerischen, leicht gewittrigen „Den Gamla Eken“. Fast alle Nummern besaßen an- und abschwellenden Charakter, nur die zweite Zugabe blieb in reduziertem Modus. Und so kam das begeisterte Publikum runter vom höheren Pulsschlag, hatte doch das Festival für viel Aufregung im positiven Sinne gesorgt.