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JAZZTHETIK LiveKuratiert von The Notwist, präsentierte das Münchner Festival Alien Disko Klänge zwischen kosmischem Jazz, Indie-Rock und Minimalismus.

 

Von Christoph Wagner.
aliendisco dawn of midi by manuel wagnerDawn of midi © manuel wagner

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Das Festival war als Anregung gedacht: Es sollte Veranstaltern und Institutionen Mut machen, nicht nur Bewährtes und Bekanntes zu präsentieren. Mit einem Programm aus Neuem, Entlegenem und Außergewöhnlichem wollte die zweitägige Veranstaltung Alien Disko in den Münchner Kammerspielen dafür ein Zeichen setzen. Ausgebrütet hatten das Ereignis die Brüder Markus und Micha Acher von der weltbekannten Indie-Band The Notwist. Es gelang: Das Festival war an beiden Tagen nahezu ausverkauft.

Den Auftakt machte ein Klassiker: die Komposition „Music for Pieces of Wood“ von Steve Reich, einem der Urväter der Minimal Music. Sie wurde vom Berliner Ensemble Stargaze gekonnt mit schillernden Klangfarben in Szene gesetzt. Anschließend überführte die Gruppe das Album Hi Scores des Elektronik-Duos Boards of Canada in eine akustische Klanglandschaft, was interessante Brechungen und Spiegelungen ergab. Dass die Wurzeln der Minimal Music eigentlich in Afrika zu suchen sind, machte der Berliner Elektroniker Mark Ernestus klar. Mit seiner Ndagga Rhythm Force, die durchweg aus afrikanischen Musikern besteht, legte er vielschichtige Trommelmuster über elektronische Basslinien, zu denen sich eine Tänzerin in tollkühner Akrobatik verbog. Komplexe Polymetrik bildete nicht nur einst den Ausgangspunkt für Steve Reich, sondern heute wieder für das Trio Dawn of Midi. Mit absoluter Präzision und großer Beharrlichkeit übersetzten die drei Musiker aus Brooklyn die Komplexität afrikanischer Trommelrhythmen in eine Piano-Bass-Schlagzeug-Besetzung und riefen damit verblüffende Effekte hervor. Trance lautete das ultimative Ziel.

Zeitlich, aber auch stilistisch einen weiten Bogen spannte das legendäre Sun Ra Arkestra, das heute vom quirligen Marshall Allen geleitet wird, inzwischen im 93. aliendisco shabaka hutchings von the comet is coming by manuel wagnerShabaka Hutchings © manuel wagnerLebensjahr. Der Altsaxofonist verstand es mit kreischenden Saxofonschreien, seine Bandkollegen zu Hochleistungen anzustacheln. Von swingendem Bigbandjazz der 1930er Jahre bis zu den kosmischen Sounds des Weltraumzeitalters reichte das Spektrum, mit dem das zwölfköpfige Ensemble das Publikum in den Bann zog. Verstärkt durch den bayerischen Sun-Ra-Spezialisten Hartmut Geerken, der die originale Sonnenharfe zupfte, die ihm einst Sun Ra persönlich anvertraut hat, absolvierte die Gruppe ein inspiriertes Programm, das mit Begeisterungsstürmen aufgenommen wurde.

Sun Ras Weltraum-Mythologie, einst eine Strategie, dem alltäglichen Rassismus zu entgehen, bildete den Leitstern für so manche Gruppe beim Alien-Disko-Festival, allen voran The Comet is Coming. Das Trio aus London steht für ekstatischen Groove-Jazz, der auf wuchtig-knarzigen Bassriffs vom Synthesizer, knackigen Schlagzeugbeats und einem kraftvollen Saxofonspiel beruht, das mit viel Echo weite Räume öffnet. Einen weiteren Höhepunkt setzten die Programmmacher selbst. Der Auftritt der Acher-Brüder mit The Notwist ließ keine Erwartungen unerfüllt. Ihre Musik beinhaltete von krachendem Indie-Rock über minimalistische Passagen bis zu träumerischen Songs das ganze Spektrum an Stilen, das beim Festival vertreten war. Auf einen zweiten Durchgang 2017 möchte man hoffen.