Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

JAZZTHETIK LiveSoul, Toy-Piano und Jazz als Symphonie – Eindrücke von der 48. Internationalen Jazzwoche Burghausen.




powered by jazzthetik smallVon Roland Spiegel.roberto fonseca rasimowitz frankRoberto Fonseca © Frank Rasimowitz
Für solche Momente geht man in Konzerte. Kurz vor Mitternacht auf der großen Bühne des Festivals: Der kubanische Pianist Roberto Fonseca lässt das Publikum eine zarte Melodie im Chor singen und begleitet es, am Bühnenrand auf dem Boden kauernd, mit einem Spielzeug-Klavier. Dann geht er raus – und der Chor, begeistert nach einem Konzert voller unterschiedlicher Farben, setzt wieder an. Und singt so lange, bis der Pianist wiederkommt und sich in die unerwartete Coda noch einmal einfädelt. Jazz als Gemeinschaftsgefühl.

Burghausen 2017, das war oft was fürs Herz. Und auffällig häufig auch für die Beine. Denn bei dieser bereits 48. Internationalen Jazzwoche (mit Besucherrekord: über 8500 an sechs Tagen) gab es ungewöhnlich viele Konzerte, in denen das Publikum gegen Ende aufstand und tanzte. Bei einigen Stücken von Fonsecas Programm ABUC (Cuba rückwärts gelesen) war es so. Und schon Tage zuvor hatte ein tanzendes Publikum gefeiert. Die britische Soul-Sängerin Joss Stone sang mit katzenhaft geschmeidiger Stimme eigene Stücke und Klassiker wie „I Put a Spell on You“ und nahm ein Bad in der jubelnden Menge.

Soul und Blues – Letzterer diesmal mit dem Volldampf-Sound der Original Blues Brothers Band um die Haudegen Steve „The Colonel“ Cropper und Lou „Blue Lou“ Marini – gehören in diesem schönen 18.000-Einwohner-Ort an der Grenze zu Österreich mit seiner über einen Kilometer langen Burganlage seit jeher zum Festival. Der künstlerische Leiter Joe Viera fasst seit dem Anfang 1970 den Begriff Jazz möglichst weit, pflegt die Tradition und hört besonders gern auch jungen Musikern zu. So konnte man in Burghausen auch die Saxofonistin Lakecia Benjamin erleben, die mit ihrer fetzenden Funky-Maschine von Band auch innige Momente zauberte – und am Ende zu Latin-Rhythmen mit europäischen Konzertbesuchern auf der Bühne tanzte.

Seit neun Jahren gibt es zum Festival-Auftakt den Europäischen Nachwuchswettbewerb – den gewann das italienisch-französisch-ungarische Filippo Vignato Trio mit konzentrierten Klang-Entwicklungen auf Posaune, Keyboards und Schlagzeug – und zum Ausklang den Next Generation Day. In dem fiel vor allem das Trio Just Another Foundry auf, das kraftvoll Rau-Kantiges ebenso wie Melodiöses spielt.

Großes Highlight: das Konzert von Schlagzeuger Antonio Sanchez und seiner Band Migration mit der 80 Minuten durchlaufenden Meridian Suite, einem Jazz-Werk von symphonischen Ausmaßen und fesselnder Ausdruckskraft – mit hervorragenden Musikern, darunter neben Sanchez selbst Sängerin Thana Alexa und Saxofonist Chase Baird. Am anderen Ende der Ausdrucksskala: das gestylt harmlose Konzert des deutschen Trompeten-Stars Till Brönner. Auch im Rahmen des Festivals: die Ausstellung American Jazz Heroes des Fotografen und Autors Arne Reimer im Haus der Fotografie auf der Burg. Wie sensibel Reimer Jazz-Legenden von Sonny Rollins bis Cecil Taylor ganz nah gekommen ist, sieht man auf den meist großformatigen Abzügen besonders gut. Fotos als starke menschliche Begegnungen, nicht nur fürs Jazzer-Herz in Burghausen 2017.