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JAZZTHETIK LiveFast 30.000 Besucher kamen am ersten Juni-Wochenende in den Hamburger Hafen, um die Rückkehr des Elbjazz-Festivals nach einem Jahr Pause mitzuerleben.



powered by jazzthetik smallVon Guido Diesing
. Nguyàn LeNguyàn Le © Guido Diesing
Der Rekordbesuch hatte mehrere Gründe: Das Wetter war gut, neben den Hauptbühnen auf der Blohm+Voss-Werft stand mit der Elbphilharmonie ein neuer Spielort mit enormer Zugkraft, und schließlich bot das Programm große Namen wie Gregory Porter, Jan Garbarek und Joshua Redman. Die Schattenseite des Erfolgs: Vor allem am Freitag gab es lange Schlangen am Einlass und vor überfüllten Hallen. Und das freundliche Wetter lud viele dazu ein, das Festival als Gesamtevent zu erleben, bei dem die Musik nicht unbedingt die Hauptrolle spielte. So musste man sich bei einigen Konzerten schon recht nah an die Bühne herankämpfen, um in den Bereich vorzudringen, in dem das Publikum tatsächlich zuhören und nicht plaudern wollte.

Hörenswert war aber vieles. Hildegard Lernt Fliegen begeisterten mit ihrer perfekten Mischung aus Genie und Wahnsinn, Virtuosität und Spaß. Die NDR Big Band ließ mit ihrer Version von Pink Floyds Dark Side of the Moon den Zuhörern ein Klangbad aus Rock und Blechbläser-Pathos ein, das bestens zum sonnigen Frühsommerabend passte, Joshua Redmans klavierloses Trio balancierte gekonnt zwischen differenzierter Interaktion und Sentiment, etwa in einer gefühlvollen Version von „Never Let Me Go“. Erik Truffaz erreichte mit seiner Musik zwischen Miles und Molvær auch ein bemerkenswert junges Publikums, und Programmpunkte, die mit Jazz wenig zu tun haben – wie in diesem Jahr Beady Belle, Nina Attal oder Agnes Obel –, hat es beim Elbjazz schon immer gegeben.

Auch wenn im Zuge der Neuorientierung des Festivals einige Nischen zugesperrt und Kanten abgeschliffen worden waren, gab es durchaus überraschende und mutige Entscheidungen. So schien es Pianist Benjamin Schaefer selbst kaum glauben zu können, dass er mit seiner Band Quiet Fire am Samstag auf der Hauptbühne spielte. Und seine feinsinnige Musik zwischen West Coast und Third Stream, Satie-Bearbeitungen und Carla Bley, in der James Wylie (as) und Kathrin Pechlof (harp) Akzente setzten, kam an. Auch Anna-Lena Schnabel, die sowohl mit ihrem Quartett als auch im Duo mit Florian Weber (p) zu sehen war, steht für alles andere als Anbiederung an den Massengeschmack. Und trotz Ausdünnung blieb immer noch weit mehr Musik übrig, als ein einzelner Mensch an zwei Tagen hören kann.

So war Auswahl und Verzicht gefragt. Wer z.B. Gregory Porter ignorierte, konnte zur gleichen Zeit am anderen Elbufer in der Katharinenkirche die Accordion Night erleben. Klaus Paier (mit Cellistin Asja Valcic), Stian Carstensen (mit Geiger Ola Kvernberg) und Vincent Peirani (mit Saxofonist Emile Parisien) boten faszinierende Einblicke in die Möglichkeiten eines Instruments, das noch immer nicht überall für voll genommen wird. Lediglich das Duo des Madagassen Régis Gizavo mit Nguyên Lê (g) enttäuschte musikalisch und litt zudem unter anhaltenden Soundproblemen. Nebenbei lieferte der Abend eindrucksvolle Argumente im Streit Konzert vs. Konserve. In Sachen Lebendigkeit, Feuer, Emotion und Witz erreichte das Projekt im Vergleich zur CD-Fassung von 2015 ein völlig neues Level.