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JAZZTHETIK LiveBraucht die Stadt Moers dieses Festival? Diese Frage wird in der Kleinstadt am Niederrhein rauf und runter diskutiert.




powered by jazzthetik smallVon Stefan Pieper.FAV FM Einheit by Stefan PieperFM Einheit © Stefan Pieper
Also kam dieses gewichtige Thema bei der 46. Festivalausgabe zur Primetime auf die Hauptbühne. Die Teilnehmer des Podiums: vier führende Köpfe aus der Avantgarde- und Lautpoeten-Szene, nämlich David Moss, Jaap Blonk, Kim-José Bode und Catherine Jauniaux. „Eine Stadt braucht Menschen, und vor allem die Kreativität von Menschen“ – so viel war zu Beginn noch zu verstehen. Dann verwirbelten die Teilnehmer in bester Dada-Manier skurrile Grimassen, dekonstruierte Wortschnipsel, Trommel-Lärm und Blockflötenfiepser zur schräg-virtuosen Kollektiv-Ursonate. „Jetzt sind Sie alle schlauer in dieser Frage“, schloss der neue künstlerische Leiter Tim Isfort die Debatte ab. Der dritte Festival-Macher nach Burkhard Hennen und Reiner Michalke hat ein Händchen für theatralische Inszenierungen. Fantasievoll ging es auf neue Entdeckungspfade: Die belgische Hardcore-Punkband Cocaine Piss schleuderte ihre Soundbretter ohne Vorwarnung ins Publikum, das genauso zahlreich wie im Vorjahr war. Musik darf auch mal in körperliche Grenzerfahrungen hineinreißen. Was sonst waren die fast dreistündigen, überlaut-psychedelischen, oft von zähfließenden Mollakkorden gespeisten Gitarrenkaskaden der US-Band Swans?

In Zeiten knapper Budgets braucht es keine Materialschlachten mit etablierten Namen, um ein Publikum von den Stühlen bzw. von den auf die Dauer etwas harten Holzbänken in der Festivalhalle zu holen. Sensible Kenner der Materie wie Jan Klare holten spannende Projekte nach Moers, zum Beispiel aus Flandern, wo sich eine kleine Szene unangepasst gebärdet. So überwältigte der tief geerdete Blues von Rubatong aus den Niederlanden. Das belgische Trio De Beeren Gieren hatte mit seiner freigeistigen Improvisationsmusik schon kurz nach dem Festivalstart einen Höhepunkt geliefert. Jazz ist hier weiterhin Silhouette in einem genreübergreifenden Koordinatensystem. Wenn Jazz in Moers hervortritt, strebt er sofort wieder freiheitsliebend aus der Schublade mit den vier Buchstaben heraus. Zum zehnten Mal gab sich Saxofonist Anthony Braxton die Ehre. Kolossal, fein verästelt und detailverliebt, zelebrierte sein Großensemble zusammen mit Ingrid Laubrock ein fein gewebtes Ideengeflecht. Viel direkter, geradezu bedrängend auf den Moment fokussiert, eroberte eine kongeniale Triobesetzung das Publikum: Sylvie Courvoisier verschaltete ihre schwerelos-funkelnde Pianistik mit den heißen Saxofonströmen von Evan Parker und Ikue Moris Computer-Soundscapes. Außerdem gab es große, ergreifende Songs aus der Feder des charismatischen Kaliforniers Dorian Wood.

Tim Isfort hat als aufgeschlossener Reisender die Kulturen der Welt im Blick. Gerade in Ländern mit Erfahrungen von Diktatur und Bürgerkriegen kennt der Hunger nach Freiheit und damit die Leidenschaft für Musik kaum Grenzen. Die kongolesischen Musiker von Radio Kinshasa schworen sich mit dem Berliner Schlagwerker FM Einheit auf einen eindringlichen gemeinsamen Puls ein. Der kennt keine Grenzen zwischen Trommeln und Djemben, Stahlplatten und Eisenfedern – und bot daher viel mehr als irgendwelches Weltmusik-Entertainment, war vor allem symbolträchtiger.