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JAZZTHETIK LiveWenn die Abendkonzerte im norwegischen Trondheim zu Ende sind, ist es draußen noch längst nicht dunkel.




Von Peter Bastian.Squarepushers Shobaleader oneSquarepushers Shobaleader One © Peter Bastian

Es dämmert noch weit nach Mitternacht, und die Nacht dauert im Mai nur vier Stunden. Und so wie die Kneipen gegenüber der Konzerthalle Dokkhuset bis weit in die Nacht bevölkert sind, könnte man meinen, in einem südlichen Land zu sein. Der Wettergott meinte es in diesem Jahr gut mit dem Festival in Trondheim.

Auch die Musik, die wieder Ernst-Wiggo Sandbakk zusammengestellt hatte, brachte Hitze in das nördliche Land. Schon die SAP Big Band des gleichnamigen Softwareherstellers, die der Hotelbar des Scandic Nidelven am frühen Abend kräftig einheizte, war hörenswert. Auch das Quintett Pilgrim des Schweizer Saxofonisten Christoph Irniger im Avant Garden bot ein herausragendes Konzert. Aus einem Free-Einstieg kann sich hier ein cooler Kollektiv-Groove mit genialen monkischen Einschüben von Stefan Aeby (p) entwickeln, nur um dann ins Rockig-Psychedelische abzudriften – wunderbar! Höhepunkt des Festivals war das neue akustische Quartett des finnischen Trompeters Verneri Pohjola, eines der aktuell besten Trompeter der Welt. Seine Liebe zur Melodie ist unerhört, seine Band mit Aki Rissanen (p), Antti Lötjönen, (b) und Mika Kallio (dr) der Hammer. Während die Band bei einem umjubelten Konzert von einer Glanzleistung zur nächsten schwebte, jammte im Café des Hauses schon eine seiner Lehrerinnen, Ingrid Jensen, mit einer Studentenband. Am folgenden Tag hatte sie noch einen bemerkenswerten Auftritt mit der Trondheimer Big Band Kjellerbandet. Hier zeigte sie ihre große Arrangier- und Spielkunst.

Der Engländer Jacob Collier ist mit 22 schon ein Superstar und mit zwei Grammys bedacht. Er trat solo auf, sang und spielte alle Instrumente selbst und lieferte so eine recht hyperaktive Show ab. Das war nicht jedermanns Sache. Da war der Auftritt von Oumou Sangaré zu später Stunde schon ein anderes Kaliber: heiße Musik, gespeist aus afrikanischen und jazzigen Rhythmen und Melodien, die berührten und direkt in den Bauch gingen. Vertrackte Rhythmen, ein ausgeflippter Gitarrist und zwei Backgroundsängerinnen machten das Konzert erfrischend und mitreißend.

Überraschend abgefahrene Musik zwischen Dixie und Modern Jazz bot das Konzert des Kopenhagener Horse Orchestra, und Free-Drummer Sven-Åke Johansson sang mit seinem Bassisten schwedische Lieder. Die Schlagersängerin Lill Lindfors (77) und die Jazzsängerin Karin Krog (80) bekamen ein Forum, ebenso die Sängerin Kirsti Huke und Julien Desprez, der wie ein Besessener auf seinen Pedalen tanzte und dabei aufregende Gitarrenmusik mit Lichtshow erzeugte. Die vier Musiker von Shobaleader One, der neuen Band des englischen Bassisten Squarepusher, trugen kuttenartige Gewänder sowie mit LEDs bestückte Helme und zelebrierten auf der Bühne einen faszinierenden Sound zwischen Fusion-Jazz, Funk und Electro. Eine Art Fusion von Led Zeppelin, Mahavishnu und dem elektrischen Miles – zwei Stunden extremer Druck. Eine weitere großartige Trondheimer Big Band ist das Trondheim Jazz Orchestra, das seine neue Platte Skrap vorstellte, eine Mischung aus Funk, Jazz und Klängen aus Outer Space – ziemlich gut, wenn auch manchmal etwas überladen. Aber in der jungen Truppe steckt viel Potenzial.