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JAZZTHETIK LiveAls Christiane Böhnke-Geisse, langjährige Bookerin der Münchener Unterfahrt, 2016 die künstlerische Leitung bei Bingen swingt übernahm, machte sich das schnell bemerkbar.

Von Norbert Krampf.Jutta Kees Jazzrausch  (c) Norbert KrampfJutta Kees © Norbert Krampf
Etwa in dem Coup, das damals ganz neue All-Star-Quartett A Novel of Anomaly alias Andreas Schaerer, Luciano Biondini, Kalle Kalima und Lucas Niggli zu präsentieren. Für die diesjährige, 22. Ausgabe wurde die Anzahl der Bands etwas reduziert, was Überschneidungen im Programm verringert. Zwar liegen die meisten der acht Bühnen nur Gehminuten voneinander entfernt, dennoch gilt es häufig zu entscheiden: Soll man das eine Konzert noch bis zum Ende begleiten oder doch gleich zum nächsten wechseln?

Inhaltlich bot Bingen swingt 2017 weit mehr, als der Name verheißt. Junge Talente, etwa Wollny-Schüler Johannes Bigge, wurden am Freitagabend von Größen wie Nils Wogram oder Tony Lakatos und Rick Margitza abgelöst. Dazwischen gab es Soulfunkpop-Jazz und mit Whiskydenker ein eigenwilliges Swingquartett. Am Samstag spielte auch das Wetter mit. Franco Ambrosetti trotzte mit seiner Band der strahlenden Nachmittagssonne und gab auf der großen innerstädtischen Bühne den Jazz-Gentleman. Pianist Shai Maestro konnte in einer Seitenstraße mit der direkten Nähe zum Publikum flirten und eine familiäre Stimmung kreieren. Sein souveränes melodisches Spiel steht klassischer Romantik näher als kantig-freier Improvisation und schmeichelte vielen Ohren. Schlagzeuger Ziv Ravitz beflügelte manche dynamischen Wechsel, setzte zudem gelegentlich elektronische Akzente. Gleich zwei Mal trat Frederik Köster auf und bewies, warum er zu Deutschlands interessantesten Trompetern gehört. Pianist Sebastian Sternal steht dem nicht nach; beide kennen sich schon lange und hielten zunächst mit dem Repertoire ihres Duo-Albums Canada fantasievolle Zwiesprache. Lyrisch, aber mit lauernder Energie modulieren sie elegante, atmosphärische und rhythmische Stücke, kleine Überraschungen inklusive. Etwa wenn Köster sein variables Trompetenspiel mit Gesangsstimme unterlegt oder pointiert Elektro-Effekte einsetzt. Später breiteten Köster und Sternal mit Bassist Joscha Oetz und Drummer Jonas Burgwinkel ein noch kantigeres Panorama aus. Kraftvoll und interaktiv abstrahierten sie ihre Kompositionen, variierten Klangfarben und Grooves, entwickelten spannende Soli. Spielfreudig und im besten Sinne unvorhersehbar avancierte Die Verwandlung zu einem der Festival-Höhepunkte.

Die größte Festivalbühne gehörte am Samstag zwei sehr unterschiedlichen, auf ihre Art eindrücklichen Großformationen. Die teilweise umbesetzte Jazz Big Band Graz (JBBG) fasziniert weiterhin durch ihre nuancierte bis dichte Mischung aus hymnischen Melodiebögen, detailscharfen Arrangements, unkonventionell-raffinierten Ideen und zeitgemäßen Elektro-Vignetten. Ganz auf gewitztes Entertainment baut hingegen die umwerfend energetische Jazzrausch Bigband aus München. Knappe, präzise gesetzte Phrasen und gradlinige, der elektronischen Musik entliehene Beats versetzten das Publikum bis zur mitternächtlichen Sperrstunde in Euphorie.