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JAZZTHETIK LiveEin Festival der Überraschungen war Rigas Ritmi, das Ende Juni mit der Inhaltsangabe „Impro / Jazz / World“ in die lettische Hauptstadt lockte.



Von Tobias Richtsteig.Simone Zanchini by Ance JirgenaSimone Zanchini © Ance Jirgena
Kaum ein Name der insgesamt 19 Acts in vier Tagen war bekannt, am ehesten gingen noch der Akkordeonist Simone Zanchini oder die Kubanerin Daymé Arocena als internationale Headliner des Programms durch. Doch die Zugkraft von großen Namen ist für Festivalleiter Maris Briezkalns bei der Programmgestaltung nur ein Argument unter vielen. Er vertraut auf die Qualitäten der Musiker und Musikerinnen – und auf sein Publikum. Und das konnte sich über eindrückliche Konzerterlebnisse freuen. Zum Beispiel, als Zanchini auf der Hauptbühne im Dom-Garten seinen Hipsterbart zusammenknotete und demonstrierte, was er unter Impro versteht: Da folgten die „Flintstones“ auf „Blue Monk“ und Piazzolla auf russische Schwermut. Aber eben nicht als Nummernrevue, sondern als Form für seinen höchstpersönlichen Ausdruck.

Ganz ähnlich und doch ganz anders: das Piano-Recital des Amerikaners John Beasley, der einst mit Miles Davis auf Tournee war und inzwischen neben seiner Arbeit für Hollywood die szenischen Qualitäten in Monk-Klassikern wie „Little Rootie Tootie“ herausarbeitet. Das Ergebnis zeigte er nicht nur im Kammermusiksaal der National-Bibliothek, sondern auch als Arrangeur mit der Lettischen Radio-Bigband. Die hatte sich als zweiten Gast die Texanerin Ruthie Foster eingeladen, um gemeinsam in Gospel, Blues und Soul abzutauchen. Waren es Beasleys Arrangements, Fosters Stücke oder schlicht die Energie der jungen, vor gerade mal zehn Jahren etablierten Bigband? Jedenfalls zündeten die Grooves aus dem amerikanischen Süden auch im baltischen Norden – trotz ergiebiger Regenschauer.

Begonnen hatte Rigas Ritmi im strahlenden Sonnenschein mitten in der Stadt auf der Summer Stage gegenüber dem Bahnhof. Ein Zelt spendete dem Publikum Schatten, und lokale Bands luden mit Swing- und Oldtime-Standards zum Zuhören. Als Auftakt des Festivals war das stimmig, doch sollte man die lettische Jazzszene nicht unterschätzen. Zwar sind nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor einem Vierteljahrhundert viele Musiker ausgewandert, längst aber ist die junge Generation erwachsen, die zwar in Kopenhagen, Göteborg oder Berlin studiert hat, aber in Rigas Altstadt eine ganze Reihe sehenswerter Jazzclubs bespielt – und zwischen Abercrombie-Gitarrentrios (The Sound Village) hippieesker World-Jazz-Rock-Fusion (Coco‘nuts), ECM-tauglichen Trompeten-Elegien (Magnuss Bauģis) und Post-Bop-Balladen (Deniss Pashkievich feat. Aaron Parks) ihre eigenen Wege geht und dabei auf soliden Fundamenten aufbauen kann. Und Maris Briezkalns ist eben nicht nur Festivalleiter, sondern als Schlagzeuger auch Teil und Kenner der alten baltischen Jazzszene. Heute verortet sich Riga selbstbewusst auf der Jazzlandkarte. Das Rigas-Ritmi-Publikum erntete dann auch gleich ein Kompliment der enthusiastischen Magda Giannikou, die mit ihrem New Yorker Trio gekommen war: „Danke für die wunderbare Interaktion!“