Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

JAZZTHETIK LiveNach hundert Jahren kann sich Jazz-Geschichtsschreibung langsam Gedanken darüber machen, wie sie gestrickt ist.




powered by jazzthetik smallVon Hans-Jürgen Linke.Frazao AlineFrazao Aline © Wilfried Heckmann
Die populärste Version: Armstrong, Parker, Coltrane – Heldengeschichte mit entsprechend zugeordneten Ordnungskriterien. Helden sind Gravitationszentren für Narrative, die allerdings wohl die ungenaueste und lückenhafteste Art von Geschichtsschreibung sind.

Das Darmstädter Jazzinstitut hat während eines dreitägigen Symposiums verschiedene, teils kritische, teils bereichernde Schlaglichter auf ein problemgesättigtes Themenfeld gelenkt. Folgende Vorschläge für Paradigmen einer Geschichte des Jazz kamen zur Sprache:

Erstens kann man Helden als wirkliche Menschen zeigen, wenn man (wie etwa Arne Reimer) nicht nur im richtigen Moment den Auslöser drückt, sondern die eigene Arbeit auch reflektiert und um die Bedeutung weiß, die Bilder für eine Geschichtsschreibung haben können.

Zweitens kann man sich exemplarisch an etablierten Narrativen, Heldenfiguren, Anekdoten-Konvoluten oder Mystifikationen abarbeiten und die Position des Aufklärers gegen falsches Bewusstsein einnehmen. Man kann Arbeiten herausragender Persönlichkeiten einer Überprüfung unterziehen und zu bestätigenden oder vernichtenden oder einfach ergänzenden Ergebnissen kommen. Das hat oft – je nach Prominenz des Untersuchten – erheblichen Unterhaltungswert; allerdings entsteht so zwar kritisches Bewusstsein, aber vorerst keine alternative Geschichtsschreibung.

Drittens kann man die Repräsentation von Vorgängen, Figuren und Artefakten in den Medien untersuchen, da Jazz-Geschichte eng mit der Entwicklung der modernen Medien und mit deren sozialen Narrativen verknüpft ist. Krin Gabbard etwa zeigte, wie keiner der Hollywood-Filme, die sich der Entstehung des Jazz widmeten, den Anteil der schwarzen Nachkommen von Südstaaten-Sklaven für die Entstehung des Jazz leugnet – aber dann ist es ein Weißer, der plötzlich alles besser kann. Nebenher erzählt das frühe Hollywood gern auch von der vorbildlich sich selbst verleugnenden Frau, die dem begabteren Mann das Rampenlicht nicht neidet.

Viertens gibt es Stilgeschichte. Afroamerikanische Gullah-Ursprünge etwa, aber die Soli werden im 20. Jahrhundert immer komplexer, was Klaus Frieler empirisch erhellend nachweist. Wir warten auf mehr Daten und auf erste gründliche Interpretationen.

Fünftens sind die Spiel-Räume und ihre Angebote für die Entwicklung der Musik von entscheidender Bedeutung: Jazz-Geschichte ist Tanzmusik-Geschichte, später Konzertgeschichte, also Club- und Saal- und Organisations-Geschichte.

Sechstens: Verschiedenste Institutionen halten den Jazz in der Gesellschaft und definieren seine Rollen dort. Der Rundfunk, Kulturinstitute, Kulturämter, Musikbüros schreiben, zumindest in Europa, an der Jazz-Geschichte mit.
Und weil (siebtens) der Jazz eine schon in ihren Wurzeln globalisierte Musik ist, haben internationale mediale, ökonomische und politische Vorgänge in seiner Geschichte immer eine starke Rolle gespielt.

Und vergessen wir nicht (achtens) die Sozialgeschichte der Musik.

Wenn aber (neuntens) die Repräsentation einer mythischen Figur in den Medien das Kriterium für die aktuelle Bedeutung des Jazz wäre, dann wäre Miles Davis die Sonne, um die die Satelliten des Jazz fortan zu kreisen hätten.