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JAZZTHETIK LiveDer Posaunist Samúel Jón Samúelsson gab das Tempo mit seiner Bigband bei der Jazzparade vor, mit Riesenschritten ging es einmal quer über die Shopping Mall Laugavegur zum Konzerthaus Harpa.



powered by jazzthetik smallVon Angela Ballhorn.
Die klassische Einrichtung wurde im Sturm genommen und blieb fünf Tage lang fest in Jazz-Hand.

Für das Jazzfestival Reykjavik sind zwei Unermüdliche verantwortlich: Pianistin Sunna Gunnlaugs und Bassist Leif Gunnarsson stellten für das Festival eine interessante Mixtur von isländischen Projekten und internationalen Bands auf die Bühne. So spielten Musiker, die außerhalb der Insel aus Feuer und Eis zu Unrecht wenig bekannt sind. Das verbindende Element der Bands, egal, ob es der Saxofonist Jóel Pálsson mit dem Sänger Valdimar Guðmundsson und ihren archaischen Umsetzungen isländischer Texte waren oder die Sängerin und Pianistin Ragga Gröndal, die Gedichte von Snorri Hjartar neu vertonte, ist die Liebe zur eigenen Sprache und der Bezug zur Natur. Sigurður Flosason (sax) ließ sich von Lava und der Stille im Sturm beeinflussen. Das Agnar Már Magnússon Trio + 3 spielte Musik, die nach Kirchenhymnen oder alten Volksliedern klang. Die Stücke des Klaviertrios mit Geige, Bassklarinette und Flügelhorn waren wunderschön orchestriert und transparent.

Die auswärtigen Gäste brachten eine andere Farbe in das etwas Verhangene und Lyrische ein. Die holländische Saxofonistin Tineke Postma fing ihr Konzert leise und fast mikrotonal an und webte aus schwierig erkennbaren Strukturen und Melodien große dynamische Bögen. Ihre Bearbeitung der Suíte Floral von Villa-Lobos zeigte, welch großes Potenzial in der Arrangeurin steckt. Das französische Duo Emile Parisien und Vincent Peirani räumte am zweiten Festivaltag mit seinem furiosen Auftritt ab. Das Trondheim Jazz Orchestra spielte Stücke des Bassisten Ole Morten Vågan und verausgabte sich komplett. Volcano Björn, eine Band um den isländischen Saxofonisten Sölvi Kolbeinsson, die sich beim Studium in Berlin formiert hat, war etwas zu Berlin-krawallig und mehr Stimmung als Struktur und Melodie. Potenzial haben die Balladen. Ari Bragi Kárason und seine Band Melismatiq mit Shai Maestro am Klavier spielten mit sanftem weichen Flügelhornsound, Samúel Jón Samúelsson ließ mit seiner Afro-Sound-Bigband nochmals den Saal erbeben, und das Gitarrentrio Sigmar verband musikalische Einflüsse aus dem Kosovo, Tunesien und Island. Das Trio bot Interessierten auch einen gut organisierten Workshop zu ihrer Musik.

Ebenfalls als Gespräch startete der Auftritt des Pianisten Fred Hersch. Stolz war er, als schwuler Musiker am Tag der Gay Pride auftreten zu dürfen. Die Unterhaltung mit Sunna Gunnlaugs stellte einen sehr sympathischen Pianisten vor, der sowohl über seine HIV-Erkrankung als auch seine Herangehensweise an Konzerte („Ich mache nie Setlisten!“) sprach. Das Konzert mit seinem Trio war eine Sternstunde in einem empfehlenswerten Festival. Die Struktur mit den Happy Hours, in denen junge Musiker auftreten, den abendlichen Konzertblöcken, die eben nicht ausschließlich auf amerikanische Stars setzen, und dem Sessionausklang, bevor es in die meist noch etwas helle isländische Nacht geht, überzeugt und macht Lust auf mehr.