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JAZZTHETIK LiveUnerhörtes war zu vernehmen, dieses Jahr in Saalfelden: die menschliche Stimme.

Von Reinhold Unger.Marsella saalfelden17 schindelbeckMarsella © Frank Schindelbeck
Der Gegenwartsjazz, zumal jene avancierteren, experimentierfreudigen Formen, denen man sich in Saalfelden vornehmlich widmet, ist ja weitestgehend Instrumentalmusik. Das schlug sich stets auch im oft ostentativ die Kraft des Subversiven und die Lust an der Grenzverletzung betonenden Programm nieder. 2017, im 38. Jahr aber wurde in Saalfelden gesungen, gerappt und rezitiert, was das Zeug hielt.

Autor Harry Lachner imaginierte ein Selbstgespräch des todkranken Charles Mingus, in dem dessen drei Ichs mit sich, ihren Dämonen und der lähmenden Krankheit ringen. Den von Schauspieler Hartmut Stanke expressiv und emphatisch vorgetragenen Text umrahmte und kontrastierte ein von Michael Riessler geleitetes Quartett, ohne sich im Geringsten bei Mingus‘ Vokabular zu bedienen. Text und Musik verzahnten sich zu einem eindrücklich dramatischen Hörspiel. Ziemlich daneben ging dagegen der Kompositionsauftrag an Gerald Preinfalk, was nicht an der mal ätherisch hauchenden, mal hexenhaft gurrenden Sängerin Savina Yannatou lag. Der österreichische Saxofonist wollte seine ganze, eindrucksvoll abwechslungsreiche Biografie zwischen Postbop und Neuer Musik, Rockigem und Brasilianischem in eine Stunde zwängen, so dass leider alles in wenig kompatible Einzelteile zerfiel: Sushi mit Schlagsahne, abgeschmeckt mit Knoblauch und Zimt, ist halt kein großer Wurf.

Ein Stück weiter war da Sax-Kollege Steve Lehman bei seiner angestrebten Vermählung hochkomplexer Jazzgrooves mit HipHop. Die beiden in Englisch und im westafrikanischen Wolof rappenden Wortkünstler waren zwar noch nicht wirklich perfekt integriert, aber es war ein möglicher Weg zu Lehmans Ziel erkennbar. Der Bandname Sélébéyone ist ein Wolof-Begriff für den Punkt, an dem zwei Elemente aufeinandertreffen und in einem vollkommen neuen Element aufgehen. Das Gastgeberland war nicht nur vokal stark vertreten. Weiße Wände boten ein auf den Wahl-Wiener Christian Reiner, eine Art dichtendes Rumpelstilzchen, fokussiertes Performance-Gesamtkunstwerk, während das unterkühlte Charisma von Sängerin Mira Lu Kovacs maßgeblich zum atmosphärisch-experimentellen Pop des neuen Quintetts 5K HD beitrug. Und zu Wolfgang Puschnigs gelungenem Projekt Songs with Strings steuerte der französische Drummer Patrice Héral (aber-)witzige Vokalakrobatik bei.

Zu den rein instrumentalen Höhepunkten zählten der von der Band selbst treffend als „Avantgarde Party Music“ bezeichnete Free Bop des norwegischen Quartetts Cortex und die wunderbar vielschichtig schillernden Klanglegierungen von Eve Rissers White Desert Orchestra. Und auch die Entdeckung von Saalfelden 2017 kam ganz ohne Worte aus. Pianist Brian Marsella, neben Steve Lehman einziger US-Bandleader im diesmal ungewöhnlich eurozentrischen Programm, fegte mit solch virtuoser Verve und stilistischer Chuzpe durch John Zorns Book of Angels, dass er und seine hierzulande ungleich bekannteren Trio-Kollegen Trevor Dunn (b) und Kenny Wollesen (dr) unversehens zu Publikumslieblingen avancierten.