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JAZZTHETIK LiveAm Anfang nur eine Idee: ein Jazz-Festival direkt an der Bocche di Bonifacio, der Meerenge zwischen Korsika und Sardinien.

Von Karsten Mützelfeldt.
Die Geburtsstunde schlägt in einer weinseligen „Nacht der Poesie“: Nach einem Konzert des sardischen Saxofonisten Enzo Favata anno 2000 im 5000-Seelen-Dorf Santa Teresa träumt der Bürgermeister der nördlichsten Gemeinde Sardiniens von einer ganzen Reihe jazzerfüllter Nächte und hat gleich einen Namen parat: Festival di Musica Jazz di Santa Teresa Gallura. Ein Name, so lang wie ein langes Wochenende … zu lang. Während des Gesprächs klingelt Favatas Handy, er geht in der sternenklaren Nacht auf die Terrasse des Restaurants mit Blick auf die Lichter des zwölf Kilometer entfernten korsischen Bonifacio und kommt zurück mit einem besseren, weil kürzeren Namen: Musica sulle Bocche.

Seit nunmehr siebzehn Jahren erklingen Ende August Jazz, Welt- und traditionelle Musik in romantischem Open-Air-Ambiente, auf den Plätzen des Dorfes und vor einer Landkirche, bei Sonnenauf- und -untergangskonzerten am Strand, im von Granitfelsen geprägten (einst von Hippies und Aussteigern bevölkerten) „Mond-Tal“ oder an einem pittoresken Leuchtturm auf der Halbinsel Capo Testa. Die Einbindung des Festivals in die Natur ist nur konsequent: Erstens hat Santa Teresa keine Theater und Konzertsäle, zweitens sind die Strände und die wie Skulpturen anmutenden Felsfiguren der Gallura die traumhaft schönen Markenzeichen des wilden Nordens.

Sos Cantores di Cuglieri präsentierten die uralte Kunst des polyphonen sardischen Männergesangs, die japanische Koto- und Erhu-Spielerin Miki Imai entführte, direkt unter einem uralten Olivenbaum sitzend, nach Fernost, und der mexikanische Komponist Murcof ließ mittels psychedelischer Sounds per Laptop die bizarren Granitblöcke im Valle della Luna noch archaischer erscheinen. Der französische Altsaxofonist Thomas de Pourquery und sein Sextett Supersonic lieferten einen launigen Auftritt mit Reminiszenzen an Sun Ra und Pharoah Sanders. Roberto Ottaviano spielte gleich zweimal, zum einen mit seinem Trio Troi Griòts – und wenige Stunden später, um sechs Uhr morgens, am lokalen Strand mit dem Saxofonquartett GlassReed eine Hommage an den in diesem Jahr 80 gewordenen Philip Glass. Als Top-Act war das polnische Marcin Wasilewski Trio gebucht worden, das anfangs mit einsetzenden Windböen zu kämpfen hatte, aber im Verlaufe des Konzerts die faszinierende Homogenität einer in 20 Jahren Band-Geschichte erarbeiteten Einheit demonstrieren konnte. Für den Höhepunkt sorgte Festival-Leiter Enzo Favata selbst: Sein Projekt Tangerine geriet mit einer fließenden Melange aus Jazz, sardischen Spurenelementen, Electronica und Psychedelic Rock zum gelungenen Tribut an die vor 50 Jahren gegründete deutsche Band Tangerine Dream. Musica sulle Bocche: ein naturverbundenes, sich ökologisch grün gebendes Festival in einem Dorf mit bunten Häuschen, zwischen gelb-rot-grauen Granitfelsen und auf weißen Stränden am türkisblauen Meer – welch großartiges Kind jener „Nacht der Poesie“.