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JAZZTHETIK LiveErst mal langsam reinkommen in ein Festival? Beim Sommerton ist das angesichts von nur sieben handverlesenen Konzerten an drei Tagen keine Option.



powered by jazzthetik smallVon Guido Diesing. FAV Michael WollnyMichael Wollny © Guido Diesing
Wer im Konzertzelt am Schloss Diersfordt bei Wesel später aufläuft, weil er meint, das Beste komme ohnehin am Ende, hat schnell einen Höhepunkt verpasst. So auch in diesem Jahr: Den Freitag, der mit drei Duo-Auftritten ganz der Zweisamkeit gewidmet war, eröffneten Vincent Peirani (acc) und Émile Parisien (ss) mit ihrem bekannt brillanten Zusammenspiel in Sidney-Bechet-Bearbeitungen und eigenen Stücken. Neben Virtuosität und Spielwitz, gefühlvollen Walzern und Parisiens rattenfängerhaften Tanzschritten führten sie das Publikum mit großem Spaß mit angetäuschten Enden ihrer Stücke in die Irre. Danach luden Kayhan Kalhor (Kamantsche) und Erdal Erzincan (Baglama) zum genauen Hinhören ein. Der Iraner und der Türke bauten lange Spannungsbögen – eine konzentrierte und ernste musikalische Unterhaltung und das glatte Gegenteil von Häppchenkultur und Geschwätzigkeit. Nach einem durchaus fordernden Vortrag von über einer Stunde ohne Pause entlud sich die Spannung im vollbesetzten Zelt in kräftigem Applaus. Zu den alten Bekannten des Festivals zählt Renaud García-Fons. Bei seinem dritten Sommerton-Besuch bewies der Bassist mit dem spanischen Pianisten Dorantes, dass Flamenco auch ohne Gitarre funktioniert. In ihrem Überblick über die stilistische Vielfalt der spanischen Musik fanden auch Jazz und Romantik ihren Platz. Leider griff der Pianist bisweilen so klangvoll zu, dass er den singenden Kontrabasston zudeckte.

Am Samstag bezauberte die junge Pariser Sängerin Noëmi Waysfeld mit ihrer herzlichen Art, vor allem aber mit ihrer Stimme. Ihre Übertragungen von Klassikern der Fado-Legende Amália Rodrigues ins Jiddische atmeten Leidenschaft, Melancholie und tiefe Gefühle. Zum Publikumsliebling des Festivals avancierte der Norweger Håkon Kornstad. Nicht genug, dass er alleine mit seinem Saxofon mittels einer Loop-Maschine gekonnt orchestrale Klänge aufschichtete – er nutzte das Ergebnis verblüffenderweise als Untermalung für klassischen Gesang: ein Ein-Mann-Saxofon-Orchester samt Operntenor. Einen ambitionierten Schlusspunkt unter den Abend setzten Michael Wollny und Eric Schaefer mit ihrer kontrastreichen 80-minütigen Auftragskomposition Moon. Außer Christian Weber (b) standen ihnen die über 20 Bläser des Norwegian Wind Ensembles nicht nur zur Seite, sondern aus Platzmangel auch vor und hinter ihnen. Ausgehend von tastenden elektronischen Klängen, führte der Weg in den Weltraum vorbei an harmonischen Passagen und schroffen experimentellen Tönen. Mit einer gewaltigen Steigerung endete ein Stück, das beim einmaligen Hören kaum in seiner ganzen Fülle zu erfassen war.

Das sonntägliche Abschlusskonzert bestritt Pianist Ketil Bjørnstad in der Schlosskirche. In ausgedehnten Stücken pendelte der Norweger zwischen Komposition und Improvisation FAV Hakon Kornstad 1Hakon Kornstad © Guido Diesingund zeigte sich als Melodiker, der auch vor gelegentlichem Pathos nicht zurückschreckt. Zum guten Schluss setzte Bjørnstads Landsmann Håkon Kornstad als Überraschungsgast mit einer John-Donne-Vertonung und Richard Strauss‘ Lied „Morgen“ einen klassischen Schnörkel unter ein Festival, das keine Wünsche offen ließ.