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belgrade 1Jubiläen gab es in diesem Jahr in Belgrad gleich mehrere zu feiern. Das Belgrade Jazz Festival hatte seine 30. Ausgabe und der langjährige Festival-Veranstaltungsort, das Belgrader Jugendzentrum Dom Omladine, wurde vor genau 50 Jahren eröffnet.

belgradeMax Kochetov © John Watson
Von Christoph Giese. 1971 startete das Festival, und zur Premiere schauten gleich mal Legenden des Jazz wie Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Ornette Coleman oder Miles Davis in Serbiens Hauptstadt vorbei. Der Jugoslawienkrieg in den 1990ern zwang das Festival zu einer 14-jährigen Pause; seit 2005 findet es wieder jährlich statt.

Die vier langen Abende der diesjährigen Jubiläumsausgabe deckten ein breites Spektrum ab. Vom fantastischen Trio Children of the Light, hinter dem sich die drei illustren Namen von Pianist Danilo Pérez, Bassist John Patitucci und Schlagzeuger Brian Blade verstecken, die in Belgrad einmal mehr mit ihrem traumwandlerischen, herrlich offen gehaltenen Zusammenspiel in einer ebenso offen gehaltenen Musik verzückten, bis hin zum energetischen Free Jazz des Red Trio aus Portugal reichte die Bandbreite. Und erfreulicherweise traten auch serbische Bands beim Festival auf. Eine gute Gelegenheit, heimische Musiker kennenzulernen. Dabei spielte das Quartett von Max Kochetov, einem nach Serbien eingewanderten ukrainischen Saxofonisten, am allerwenigsten das, was man von Balkanjazz erwarten würde. Stattdessen erklang lupenreiner Modern Jazz amerikanischer Prägung. Aber der war brillant und spannend gespielt. Das Projekt Serbian Jazz, Bre! hingegen setzte mit den Videos seines Produzenten, des Belgrader Fotografen Ivan Grlić, auf eine starke Visualität der Musik, bei der dann folkloristische Motive ins Jazzidiom überführt bisweilen richtig Spaß machten. Pianist Vasil Hadžimanov hatte da noch mehr zu bieten. Zunächst sein akustisches Trio mit Kontrabass und Schlagzeug, in dem sich der Serbe als feiner Jazzpianist zeigte. Verstärkt durch den US-Saxofonisten David Binney ging es dann aber langsam immer mehr in Richtung Fusion. Musiker um Musiker stieß hinzu, und die Musik mutierte mit lauten Synthie- und Keyboardklängen, E-Gitarren, E-Bass und Elektronik zu wilden und geschmacklich nicht immer überzeugenden Klangabenteuern. Da wäre weniger am Ende sicher mehr gewesen.

Auch der Auftritt von Nils Petter Molvær war nicht so rund wie erhofft. Aber das konnte man in diesem Fall auch kaum erwarten. Denn Moritz von Oswald fiel erkrankt kurzfristig als Duopartner aus. Und so musste Neffe Laurens von Oswald den Part seines Onkels übernehmen, den Norweger mit Sound- und Beatvorlagen für dessen ätherisches Trompetenspiel zu versorgen. Molvær wartete da mehrfach lange, um endlich Einstiegspunkte für sein Spiel zu finden. Noch ein 30-jähriges Jubiläum gab es in Belgrad zu bestaunen. Denn genau drei Jahrzehnte existiert bereits das Quintett von Paolo Fresu. Der sardische Trompeter und seine vier Mitstreiter Tino Traccana, Roberto Cipelli, Attilio Zanchi und Ettore Fioravanti spielten vor vollbesetzten Rängen im Hauptspielort Dom Omladine ein beherztes Konzert voller Frische, Spielwitz und Spiellaune. Diese fünf Herren haben nach wie vor große Lust, gemeinsam die Spielarten von mediterran angehauchtem Mainstream Jazz auszuloten, das spürte man an diesem Abend.

Den Festivalausklang im riesigen Theater Dom Sindikata eröffnete Charles Lloyd. Einen beeindruckenden Blick auf die außergewöhnliche Karriere des US-Saxofonisten hatte am Nachmittag im Dom Omladine bereits Arrows Into Infinity, der sehr sehenswerte Dokumentarfilm von Dorothy Darr über ihn, geboten. Abends dann Lloyds Konzert. Packend die Spiritualität in seinem Spiel. Zusammen mit einem Trio um den Pianisten Gerald Clayton begab sich der Amerikaner auf ausgedehnte klangliche Exkursionen mit seinem so liedhaften und hymnischen Ton auf dem Tenorsax. Lange Bögen, in denen die Themen der Stücke aufbrechen und viel Raum lassen für Lloyds seelenvolle Noten, die so intensiv und zugleich doch auch entspannend sind. Da legte Pianist Michel Camilo anschließend natürlich ein paar Schüppen mehr drauf. Mit seinem Hochgeschwindigkeits-Latin-Jazz riss er das Publikum von den Sitzen und bescherte einem wunderbaren Festival den furiosen Kehraus.