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henrycow by c.wagner 1Nach 37 Jahren stand die legendäre Avantgarde-Rockband Henry Cow wieder gemeinsam auf der Bühne.

 Von Christoph Wagner. Eine mit grober Wolle gestrickte Socke diente als Wahrzeichen. Das Emblem ziert das Cover der ersten drei LPs von Henry Cow, der experimentellen englischen Rockgruppe, die einehenrycow by c.wagnerHenrycow © C.Wagner der bahnbrechenden Bands der siebziger Jahre war und ihre Alben beim damals noch alternativen Virgin-Label herausbrachte. Als die Formation 1978 auseinanderfiel, war das ein Schlussstrich. Die Musiker hatten nicht die Absicht, jemals wieder unter dem Namen Henry Cow zusammenzuarbeiten. Es sollte kein Schwelgen in falscher Nostalgie geben, kein schales Aufwärmen vermeintlich glorreicher Zeiten. Der Tod der Fagottistin Lindsay Cooper vor einem Jahr (sie litt an Multipler Sklerose) hat nun zu einer Revision der damaligen Entscheidung geführt. Drei Konzerte wurden angesetzt: in London, Rom und Huddersfield in Nordengland, wo Henry Cow beim renommierten Contemporary Music Festival auftraten. Und das mit ungeheurem Erfolg: Schneller war noch nie ein Konzert in der 36-jährigen Geschichte des Avantgarde-Festivals ausverkauft.

Fünf Kompositionen von Lindsay Cooper aus dem Repertoire von Henry Cow bildeten den Auftakt des abendfüllenden Programms. Da waren sie wieder: die ungeraden Metren, die komplexen Strukturen, die vertrackten Riffs und die außergewöhnlichen Klangfarben. Das alles floss zu einer einmaligen Verbindung von elektrischem Rock, freiem Jazz und moderner Klassik zusammen. Ja, selbst Folkanklänge waren auszumachen. Dieser aufregende Mix hatte in den Siebzigern den heute legendären Ruf von Henry Cow begründet. Damals lebte die Band als Kommune zusammen, was den Vorteil hatte, dass man täglich stundenlang proben und die hochkomplizierten Kompositionen genauestens einstudieren konnte. Für die drei Reunion-Konzerte stand dagegen nur eine beschränkte Probenzeit zur Verfügung, und das merkte man der Musik an. In Huddersfield musste sogar ein Stück abgebrochen werden, weil es schon nach ein paar Takten völlig aus der Bahn lief. Erst im zweiten Anlauf klappte es dann. Allerdings war den Musikern die Anstrengung anzusehen: Sie klebten mit den Augen an den Notenblättern und mussten sich durch komplexe Metren und Rhythmen hindurchzählen, was einer souveränen Präsentation nicht förderlich war. In der Mechanik der Stücke konnte man es geradezu knirschen hören. Dem Publikum schien das wenig auszumachen, überwältigt vom Glück, die geliebten Töne aus der Vergangenheit überhaupt noch einmal live zu Ohren zu bekommen.

An die halbstündige Wiedererweckung von Henry Cow, die vom Publikum mit Beifallsstürmen bedacht wurde, schlossen sich weitere Kompositionen von Lindsay Cooper aus allen Etappen ihrer Karriere an: Musik der Gruppen News from Babel und Oh Moscow sowie Stücke aus Soundtracks, die sie für Filme der Regisseurin Sally Potter entworfen hatte. Dabei ließ es sich Potter nicht nehmen, selbst ein paar der Songs zusammen mit Stimmakrobat Phil Minton anzustimmen. Nun kam Farbe ins Spiel, allzu angestrengte Sequenzen machten Tango- sowie Walzer-Rhythmen Platz, und elegische Passagen von Geige, Oboe und Harfe wuchsen sich zu wildem Freejazz-Gebläse aus, was als treffende Untermalung der antikapitalistischen bis apokalyptischen Textinhalte verstanden werden konnte. Lindsay Coopers Musik mag heute nicht mehr ganz so revolutionär klingen wie zu ihrer Entstehungszeit; an Charme hat sie dagegen wenig eingebüßt.