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jazzfest berlin 1Vor fünfzig Jahren wurde das Festival, das damals noch Berliner Jazztage hieß, von Joachim-Ernst Berendt ins Leben gerufen. Nicht nur dieses Jubiläum wurde in diesem Jahr in Charlottenburg ausgiebig gefeiert.

 Von Rolf Thomas. „Take your eyes off the decoration and look what‘s been decorated“, empfahl Eric Mingus zu Beginn des JazzFests Berlin dem Publikum. Kein schlechter Rat, denn die Geschichte überragte jazzfest berlinJason Moran © Matthias Creutzigerso manches, was dieser Jahrgang zu bieten hatte: 50 Jahre JazzFest Berlin, 50 Jahre Martin Luther King in Berlin, 50. Todestag Eric Dolphys in Berlin, 25 Jahre Mauerfall – es wurde vielem gedacht, vielleicht zu vielem. Bert Noglik, der scheidende künstlerische Leiter – sein Nachfolger wird der britische Sportjournalist Richard Williams, eine leicht exzentrische Wahl des Festspiel-Intendanten Thomas Oberender –, hat jedenfalls genug Überblick, um sich nicht so weit in glorreicher Geschichte zu verheddern, dass darüber die Gegenwart vernachlässigt wird.

Dolphy wurde gleich zweimal gedacht – und zwar von Berliner Musikern. Der Pianist Alexander von Schlippenbach feierte ihn mit einem Nonett, die Saxofonistin Silke Eberhard vergleichsweise spartanisch mit einem reinen Bläser-Sextett (plus Electronics). Das Gedenken an Martin Luther King hatte Noglik mit einem Auftragswerk etwas rätselhaft an den New Yorker Elliott Sharp delegiert. Der entledigte sich der Aufgabe durchaus respektabel. Insbesondere Eric Mingus, der in der Vergangenheit schon mal eine Band mit seiner Unsicherheit zugeschrien hat, zeigte, dass er sich zu einem richtigen Sänger entwickelt hat – dennoch hatte der Auftritt etwas von einem Telekolleg Geschichte. Der italienische Saxofonist Francesco Bearzatti hatte dagegen die Lacher auf seiner Seite: Er kombinierte die in jedem Zusammenhang eine gute Figur machenden Stücke von Thelonious Monk mit diversen Rocksongs. Unter anderem waren „Walking on the Moon“ (The Police) und das prägnante Gitarrenriff aus Yes‘ „Owner of a Lonely Heart“ zu erkennen. Der dunkel dräuende Doom-Jazz von Free Nelson Mandoomjazz litt unter der geringen Lautstärke.

Für den kurzfristig erkrankten Benny Golson sprang Archie Shepp ein. Mit solidem Hardbop wusste er mit seinem Quartett im Festspielhaus zu überzeugen, vom Publikum wurde er sowieso frenetisch begrüßt. Die eigentliche Sternstunde war jedoch sein Duett mit dem Organisten Jasper van‘t Hof in der Gedächtniskirche. An diesen Auftritt mit einer berührenden Lesung von „Harlem Nocturne“, bei der Erinnerungen an Earl Bostic, Johnny Otis und Willy DeVille durchs Kirchenschiff waberten, wird man sich noch lange erinnern. Während die WDR Big Band im Festspielhaus eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung vertonte – spätestens, als Ronald Reagan als Freiheitskämpfer gefeiert werden sollte, erwartete man, dass David Hasselhoff um die Ecke biegen und „I‘ve Been Looking For Freedom“ anstimmen würde; es war aber der bemitleidenswerte Kurt Elling, der diesen missratenen und von vielen Buhrufen begleiteten Auftritt gestalten musste –, spielte Johanna Borchert im heillos überfüllten A-Trane ihre Liebeslieder für Verhaltensgestörte. Borchert, deren Solo-Programm schon in Moers überzeugen konnte, hat noch einmal an Bühnenpräsenz gewonnen – hier zeichnet sich eine ganz große Karriere ab.

Am letzten Tag blies dann Mats Gustafsson alles von der Bühne. Zuerst mit seinem Trio The Thing und anschließend mit dem 28-köpfigen (!) Fire! Orchestra. Von der einzelnen Stimme einer Sängerin oder dem einzelnen Knispelgeräusch eines Elektronikers bis zur monumentalen Lärmwoge des gesamten Ensembles gelang es Gustafsson, diese Übermacht an Musikern sinnvoll zu nutzen – mit hypnotischen Grooves nagelte er die Zuhörer buchstäblich in die Sitze. Danach wirkte selbst ein so variabler und virtuoser Musiker wie Jason Moran ein bisschen wie Kunsthandwerk (mit Bandwagon) oder Schabernack (mit der Fats Waller Dance Party). Zum Kehraus schickte dann die New Yorker Kaspertruppe Mostly Other People Do the Killing das Publikum mit einem Grinsen auf dem Gesicht nach Hause.

Bert Noglik ist es in den drei Jahren seines Wirkens gelungen, mit einem sich wirklich nicht anbiedernden Programm die sowieso schon gute Auslastung des JazzFests noch einmal nach oben zu schrauben – für seinen Mut, das riesige Fire! Orchestra nach Berlin zu holen, hat er einen Verdienstorden am Bande mit Stern und Schulterband verdient.