Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

neuwiedKontraste sind das Salz in der musikalisch anspruchsvollen Tonsuppe, vor allem für stiloffene Menschen. Zu erleben beim 37. Neuwieder Jazzfestival.

powered by jazzthetikVon Michael Schaust. Es waren zwei Welten, die da aufeinanderstießen: hier der nordisch-pianistische Schönklang mit Eruptionspotenzial, dort die bärenstarke amerikanische Fusion. Und in der Stadthalle zeigte sich: Die Veranstalter lagen mit ihrer Programmgestaltung goldrichtig.

Am ersten Tag geht es im gut gefüllten Haus nicht nur auf sanften Wellen in die Mitternachtssonne. Der Romancier, Komponist und Pianist Ketil Bjørnstad sorgt für eine fast eineinhalbstündige Unterhaltung, die abwechslungsreicher und spannender kaum sein kann. Keine Sekunde kommt Langweile auf bei seiner solistischen PeneuwiedStanley Clarke Band © Mikula Luellwitzrformance. Der bescheidene Norweger präsentiert sich zunächst in seinen neuen, noch unbetitelten Improvisationen artistisch-experimentierfreudig, mal in sich gekehrt minimalistisch, mal üppig expressiv. In die Vergangenheit, in blühende ECM-Zeiten Mitte der 70er Jahre und in die Ära der Aufnahmen im legendären Osloer Arne Bendiksen Studio entführt der 62-Jährige das rundum begeisterte Publikum mit Klängen, die Keith Jarretts gospel-affinen Belonging-Sound mit tänzerisch-rituellen Einlagen à la Abdullah Ibrahim vermischt. Bluesig mit Gershwin-Zauber zu spielen, ist ebenso sein Ding wie frei aus dem Stegreif klassische Etüden, nordische Melancholie integrierend. Seine vorzügliche Technik korrespondiert mit einer lyrischen Handschrift, er ist kein Tausendsassa an den Tasten, rockt jedoch zwischendurch heftig den Flügel. In eine Art überirdische Reinheit mündet sanft seine Ballade „If Only“, die der große Künstler aushauchen lässt.

Nicht ganz auf dem hohen Bjørnstad-Niveau agiert das internationale Tingvall Trio. Ihre Instrumente beherrschen die jüngeren Musiker hervorragend, ihre Power ist grenzenlos und ihre Leidenschaft unübersehbar zu hören. Den akustischen Meditationen von Martin Tingvall, dem schwedischen Bandleader, verpassen der deutsche Drummer Jürgen Spiegel und der kubanische Kontrabassist Omar Rodriguez Calvo punktgenaue wie erdige Grooves, so dass Seele, Kante und Swing eine lebendige Einheit bilden. Und ihrem eigenen Beat, wie ihre jüngste Studioproduktion heißt, lassen sie freien Lauf. Die älteren Eigenwerke besitzen noch mehr Strahlkraft als die neuen, wobei letztere live wesentlich energischer wirken als auf Platte. Von „Nimis“, einer feinen jazzig-neoromantischen Melodie, und „Mustasch“, der wild-tänzerischen und mediterran inspirierten Nummer, bis zum aktuellen „Spöksteg“ ist es eine Tour de Force in teilweise rasenden Geisterschritten. Der Tingvallsche Taktschlag ist mitunter irrwitzig, die Tieftönervorstellung von virtuoser Wucht und das Schlagwerk äußerst perkussiv und hart. Sanfte, gefühlvoll Passagen sind in der Minderzahl, dominiert doch die pure Energieleistung der Dreierbande.

Noch mehr Power, noch mehr stehende Ovationen gibt es im ausverkauften Saal am zweiten Tag mit zwei Rock-Jazz-Veteranen. Billy Cobham zeigt sich gut gelaunt und deutet direkt an, wo der Hammer hängt. Keine Kampfmaschine früherer Zeiten, hantiert der gebürtige Panamaer noch immer mit traumwandlerischer Sicherheit mit zwei Händen und vier Sticks. Der nicht mehr ganz so schwindelerregende Wirbelzauber in seinem Spiel beruht auf sicherem Timing. Mit seiner Band, die nach Anlaufschwierigkeiten gut geölt funktioniert, gibt der ehemalige Mahavishnu-Pulsgeber Kostproben seines jüngsten Albums Tales from the Skeleton Coast zum Besten – live um Längen prägnanter als im Studio. Und da darf es auch mal eine Ballade („Insel Inside“) sein. Stücke mit Orkancharakter und technische Kabinettstückchen dominieren, zuweilen ein Tick zu viel. Andererseits blitzt immer noch die Mühelosigkeit Cobhams auf, einen polyfonen Funk-Groove zu etablieren, dem er ein paar Takte später schon Latin-Jazz-Rhythmen beimischt. Und der 70-Jährige lässt auch alte Spectrum-Zeiten hochleben. Die Leute sind begeistert, fordern eine Zugabe, die nicht kommt – verständlich, denn wer kann in diesem Alter noch so lange so kraftvoll auf Basspauken, Snare, Becken oder Toms schlagen?

51 Jahre jünger als Cobham ist Michael Mitchell. Der Drummer der Stanley Clarke Band ist ein Energiebündel per excellence. Und nicht nur der Schlagzeuger hinterlässt beim baff staunenden Publikum bleibenden Eindruck. Der 18-jährige Beka Gochiashvili gibt den wilden, aber stets kontrollierten wieselflinken Flügelderwisch, der auch stehend über die Tasten fegt. Der etwas ältere Keyboarder Cameron Graves ist ein nicht minder guter Tonkünstler, der nicht selten exotische Vibrafonsounds erzeugt. Und diese fantastischen Burschen pushen den ohnehin überragenden 63-jährigen Tieftönervirtuosen. Clarke bevorzugt an diesem Abend den akustischen Bass, brilliert mit klasse Soli und bietet seinen Mitstreitern den Rahmen, sich zu entfalten. Ob Joe Henderson oder John Coltrane, das Quartett meistert alle Hürden mit einer frappierenden Leichtigkeit. Die Leute sind aus dem Häuschen, vor allem bei „School Days“, bei dem Clarke zum E-Bass greift und Gochiashvili zum E-Piano wechselt. Und die zweite elektrifizierte Zugabe erklatscht sich das stehende Volk. So endet eine der größten Sternstunden des traditionsreichen Neuwieder Festivals.