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saalfeldenDas 35. Jazzfestival Saalfelden lockte heuer besonders wirkungsvoll in den Himmel zeitgenössischer Improvisationsmusik. Das Spektrum reichte vom wilden Roy Paci bis zum zärtlichen Archie Shepp.

saalfeldenArchie Shepp © Ziga Koritnik powered by jazzthetikVon Samir H. Köck. Das Nichts – Chansonniers wie Léo Ferré und Gilbert Becaud haben es in wüsten Metaphern besungen, Philosophen von Parmenides bis Heidegger machten es zum Gegenstand diffiziler Betrachtungen. Da steht es auch Jazzern gut an, sich mit diesem angstbesetzten Phänomen auseinanderzusetzen. Der amerikanische Cellist Erik Friedlander tat es in Saalfelden auf höchst ansprechende Weise. Mit Shoko Nagai (p, acc, electr) und Satoshi Takeishi (perc) knüpfte er an seinen Soundtrack zur Grönland-Dokumentation Nothing on Earth an. Den Sound einer Landschaft ohne Horizont erfand er mittels herber Melodie, die seltsamen Zauber verbreitete. Friedlander glückten Momente wahrer Magie. Das versonnen dahinwerkelnde Trio schuf eine Art imaginäre Folklore eines gleißend hellen, von Feen und Elfen, aber auch von Thursen und Jöten (so heißen die unheimlichen Riesen der nordischen Mythologie) bevölkerten Landstrichs. Mit viel Feinsinn hangelte sich das Trio über die Risse im ewigen Eis. Mollbetonte Harmonik bildete die solide Basis für minimale Melodik, wie sie in Stücken wie „Kiskadee“ und „Ingia“ hell aufflammte. Diese wehe Musik führte über die Ränder der sicher gedeuteten Welt.

Hinaus ins Offene will im Prinzip jede Art von improvisierter Musik. So auch das wüste Großensemble des Trompeters Roy Paci, das den zweiten Abend mit einem Rufzeichen ausklingen ließ. Lärmsalven von überblasenen Saxofonen, Trompeten und kreischenden Gitarren sorgten vor allem im Schlussstück „Cinematic Convention of Murder“ für das richtige Maß an Anarchie. Irgendwann kapierte jeder, dass hier nicht herumgekaspert, sondern mit fast krimineller Energie um erweitertes Klangbewusstsein gerungen wurde. Die wohl beste Lektion des heuer von Michaela Mayer und Mario Steidl besonders akribisch programmierten Festivals erteilte Gitarrist Marc Ribot. Man kennt ihn seit Beginn der achtziger Jahre als geschmackvollen Ikonoklasten, der gerne auch abseits der improvisierenden Zunft von abenteuerlustigen Singer/Songwritern wie Tom Waits und Joe Henry eingesetzt wird. Die Bandbreite seiner Ausdrucksmöglichkeiten schien einigermaßen berechenbar. Dieses Mal aber bildete er sich ein, den politischen Folksänger geben zu müssen. Sein schlicht Protest Songs benanntes Programm tändelte zu Beginn aufreizend mit Dilettantismus, ehe es unglaublich beseelt wurde. Die Conclusio vieler Songs lautete schlicht: Hüftsteifheit schützt vor hormoneller Verwirrung nicht.

Den grandiosen Schlusspunkt setzte das Joachim Kühn Trio mit Starsaxofonist Archie Shepp. Mit reichlich Ächzen und Knurren, aber auch ein paar eingestreuten Lieblichkeiten faszinierte Shepp nachhaltig. Von der ersten Sekunde an war klar: Dieser Mann entstammt einer anderen, wesentlicheren Ära des Jazz. Zur Intensität von Stücken wie „Voodoo Sense“ trug der arabische Gimbri-Virtuose Majid Bekkas wesentlich bei. Intensive Erinnerung an die expressiven sechziger Jahre war „Kulu Se Mama“, ein Stück, das Shepp einst mit Jazzgott John Coltrane spielte. Der intensivste Moment indes kam mit der Ballade „L‘eternal Voyage“. Kühns schwärmerisches Spiel wurde da von Shepps intensiver Archaik, die sich lustvoll bis an die Kante zur völligen Auflösung aller Form wagte, effektvoll konterkariert. Akademische Hörer beklagten jetzt kleingeistig falsche Töne – für die Dionysiker aber war es die schönste Himmelfahrt.