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tampereDas Jazz Happening im finnischen Tampere war packend und vielfältig und protzte nicht mit zu vielen Top-Acts.

powered by jazzthetikVon Jan Kobrzinowski. Gäbe es so etwas wie Jazz-Tourismus, so wäre hier meine Reiseempfehlung für den nächsten grauen tampereFarmers Market © Maarit KytöharjuNovember: Die post-industrielle Stadt Tampere liegt 150 Kilometer nördlich der finnischen Metropole Helsinki, eingebettet zwischen zwei großen Binnenseen. Diese Stadt macht jeden Herbst mit einem kulturellen Höhepunkt von sich reden: dem Tampere Jazz Happening. Mit tatkräftiger Unterstützung der lokalen Kulturbehörden sorgt das Festival-Organisationsteam bereits seit 1982 für ein gut gemischtes Programm und deckt viele Facetten des aktuellen Jazz ab, in diesem Jahr mit einem leichten Schwerpunkt auf der Präsentation skandinavischer Formationen.

Als ich in Tampere ankam, war das Jazz Happening 2014 schon in vollem Gange. Elephant9 & Reine Fiske rockten bereits die Nacht im Klubi, einer Mischung aus Bar, Club und Konzertbühne. Die klassische Jazzrock-Besetzung mit Stratocaster, Precision Bass und Rhodes Piano, Hammond-Orgel und einem kraftvollen Drummer weckte Erinnerungen an Nächte im Quartier Latin im alten Westberlin und die Jazzfestivals in der Hamburger Fabrik. In diesem Club gab es kein bloßes Rahmenprogramm, wie sich spätestens am langen Samstag herausstellen sollte, als sich Linton Kwesi Johnson die Ehre gab. Schon auf der Pressekonferenz hatte man das tampere2Django Bates Beloved © Maarit KytöharjuCharisma dieses großen alten Mannes der politischen Dub-Poesie gespürt. Auch auf der Bühne nahm er sich Zeit für die Message seiner Musik und gab zu jedem Song erläuternde Erklärungen, nicht ohne gemeinsam mit dem Publikum den prallen Sound der Dennis Bovell Dub Band sichtlich zu genießen – all das wirkte alles andere als deplatziert auf einem Jazzfestival. Klubi war am Samstagabend ausverkauft, und nicht zuletzt wegen des Andrangs junger Dub- und Reggaefans, die – auch ein Verdienst der Programmgestaltung – keine Berührungsängste mit dem Jazzpublikum zeigten.

Man hatte mir im Vorwege gesagt, Tampere, das sei familiäre Atmosphäre, gute Stimmung, nette Leute und natürlich ein gutes Programm. All das sollte sich im Verlauf des Festivals bewahrheiten, und mehr noch: Musikalisch wurde es ungemein abwechslungsreich und so vielfältig, dass man unmöglich bei allen Konzerten und Events dabei sein konnte.

Auf der Hauptbühne, im Tullikamarin Pakkahuone, der Old Customs House Hall, gleich neben Klubi, nahm das Happening anderntags mittampere3Bill Frisell & Jazzthetik dem Powertrio The Thing richtig Fahrt auf. In ihrer Musik geben sich Rammstein, Coltrane und ZZ Top ein Stelldichein. The Thing spielt industriell klingenden Metal Jazz der unteren Register. Trotz der derben Nordmann-Metaphorik in Mats Gustafssons Ansagen stellte sich heraus, dass auch Wikinger zu zärtlichen Liebeserklärungen in der Lage sind, in diesem Falle an Don Cherry und John Coltrane. Die zwei Granden des Avantgarde-Jazz hätten den Auftritt sicher wohlwollend abgenickt, Adolphe Sax hingegen, dessen 200. Geburtstag wir in diesen Tagen begehen, ging wohl posthum durch Wechselbäder. Das Takuya Kuroda Quintet bot danach den größtmöglichen Kontrast mit geschliffenem Blech (Kuroda an der Trompete und sein Posaunist Corey King) vor soul-jazzigem Hintergrund, der manchmal auch durch HipHop-artige Grooves angereichert war.

Zakir Hussain & his Masters of Percussion stehen jenseits jeder Kritik. Ein Auftritt des Tabla-Meisters und Botschafters indischer Musik und seiner Mitspieler lässt staunen über Virtuosität und bereitet große Freude an Musik und Zusammenspiel. Hussain selbst ließ seine Meisterschaft an den Tablas aufblitzen, räumte aber seinen gleichermaßen meisterhaften, den nächsten Generationen angehörenden Trommelkollegen ebenso viel Raum ein wie Rakesh Chaurasia an der indischen Bambusflöte Bansuri und dem Sarod-Virtuosen Sabir Khan. Diese famose Percussion-Show ist nicht nur für Musikethnologen ein beeindruckender Querschnitt durch die Musikstile traditioneller und klassischer Musik Indiens und ihrer unglaublich reichen Improvisationstradition – ein guter Grund, sie auf einem Jazzfestival zu platzieren.

Sons of Kemet litten augenscheinlich unter der Abwesenheit zweier Mitglieder der Originalbesetzung, das Quartett vermochte aber durch packende Grooves und den charismatischen Ton des Saxofonisten Shabaka Hutchings immer noch zu überzeugen. Dafür blies Karl Seglem in seinem Quartett männlich-herb ins Horn. Sein von nordischem Folk durchdrungener Jazz bot etwas museale Ästhetik, immerhin auf höchstem Klangniveau – teilweise einschläfernd schön.

Django Bates’ Belovèd erfindet zwar nicht das Pianotrio neu, lotet dafür aber bis in die Tiefe aus, wie man Charlie Parker aufs tampere4Mathias Eick Quintet © Maarit KytöharjuMusikalischste neu interpretieren kann. Sein wunderbar akustisch klingendes Dreigespann agierte freischwebend und erzählte Geschichten, denen man gerne lauschte. Seine Version von Parkers „Ah-Leu-Cha“, eigentlich ein medium-up Bop-Thema, hier inklusive dreistimmiger Gesangseinlage, bekommt von mir den Preis für die schönste Ballade des Festivals. Das Mathias Eick Quintet beeindruckte durch gut durchdesignten Bandsound, geprägt vor allem vom Frontmann an der Trompete sowie von der rhythmischen Dichte, die zwei Schlagzeuger erzeugen können – ein Konzept, das auf dem Festival häufiger verwendet wurde.

Das Schöne an den meisten amerikanischen Musikern ist der so selbstverständliche Umgang mit ihrer Musiktradition. So war der Auftritt von Bill Frisells Guitar In the Space Age eine Hommage an das, was wir in Europa den amerikanischen Traum nennen würden – hier der spacige Gitarrenrock der 60er, der Shadows und Ventures, SurfMusic, der Folkrock der Byrds, aber auch Jimi Hendrix, Wes Montgomery und Bitches Brew. Man wusste, dass Frisell seit jeher den Klang jeglicher Gitarren liebt; seine besondere Hingabe bei diesem Programm gehört dem majestätisch schönen Sound der Fender-Telecaster-Gitarre. Seine drei langjährigen Kollegen verstehen gut, wohin er will, und spielen ihm in jeder Hinsicht in die Hände, wobei deutlich wird, dass er eigentlich nirgendwo hinwill. Er fühlt sich dort pudelwohl, wo er ist. Die Band spielte Westernswing und Country-Rock, manchmal sogar überraschend pur und mit dem klaren Bekenntnis zu den Roots dieser Musik, jedoch blieb stets diese Prise Jazzmäßigkeit und kaum merkliche Abstraktion zu spüren. Frisell spielte unbeirrbar seine Musik, als wolle er sagen: „What’s the point? It’s just music.“ Das Tampere-Jazzpublikum schien ihm recht zu geben und bestand auf Zugaben. Der Diskurs und das Kantige, das einige Kollegen vielleicht vermissten, wurden dafür an anderer Stelle des Festivals geboten.

Das finnische Quartett Liberty Ship und das Trio Kallio Slaaki, bestehend aus drei Schlagzeugern, waren mit ihrem freien, experimentellen Jazz im kleinen Clubrahmen des Telekka bestens aufgehoben, ein unverstellteres Eintauchen in die freie Musikszene Finnlands konnte man sich nicht wünschen. Das ICP Orchestra ist in die Jahre gekommen, Misha Mengelberg hinterlässt eine klaffende Lücke, die der eingeladene Uri Caine am Piano leider nicht zu schließen vermochte. Han Bennink ist noch da, einer der Dreh- und Angelpunkte des Instant Composing Pools, insgesamt kamen er und das ganze Orchester zwar etwas behäbig daher, die Performance blieb jedoch immer noch originell genug und war sehenswert.

Mikko Innanen 10+, der finnische Beitrag zum Thema Orchestermusik, wirkte frischer und unverbrauchter, was auch daran lag, dass hier eine jüngere Generation und obendrein eine Band aus finnischen Allstars auf der Bühne stand. 10+, das sind exzellente Solisten, allen voran Saxofonist und Leader Mikko Innanen, Trompeter Verneri Pohjola und Seppo Kantonen am Piano, vor einem druckvollen Orchestersound, dichten Bläserkaskaden, Kollektivimprovisationen und dem schier unglaublichen Drive der zwei Schlagzeuger Joonas Riippa und Mika Kallio. Für mich einer der Höhepunkte des Festivals.

Fazit: Das Tampere Jazz Happening war packend und vielfältig und protzte nicht mit zu vielen Top-Acts. Live-Sound, Optik und Technik in den drei Locations in Fußweg-Entfernung waren bestens, die Atmosphäre familiär und stimmig, das Rahmenprogramm machte Spaß, und Empfang und Versorgung durch die Festivalcrew und die lokalen Kulturbehörden waren vorzüglich. Tampere 2014 hatte alles: Emotionen, junge Leute, staunende Gesichter, Rührung, intellektuelle Ansprache, körperliche Reize (ja, man durfte sogar tanzen). Kiitos, Tampere! Nächstes Mal lerne ich noch Finnisch, dann wird alles noch besser.