Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

multiphonicsEin ganzes Festival rund um ein Instrument – bei Multiphonics drehte sich wieder alles um die Klarinette.

multiphonicsDavid Murray © Jörg Schriner Von Rolf Thomas. David Krakauer glaubt, dass seine Truppe Ancestral Groove wahnsinnig funky sei. Leider klappt das nicht so richtig, obwohl Bassist Jerome Harris mehr Funk in seinem Zeigefinger hat als so manch andere Band im ganzen Klangkörper. Sheryl Bailey, die eigentlich eine schrammelige Funk-Gitarre spielt, ertränkt ihren Sound in ganz viel Delay, was keinen Sinn ergibt, und auch der DJ wirkt wie ein Fremdkörper. Das war aber auch schon der einzige musikalische Ausfall beim Klarinettenfestival Multiphonics, dessen Konzerte über halb Hessen verstreut waren (in Köln und Ulm fand das Festival mit ähnlicher Besetzung parallel statt, ähnlich wie Rock am Ring und Rock im Park). Im Frankfurter Südbahnhof elektrisierte der französische Bassklarinettist Thomas Savy unmittelbar vor Krakauer mit einer sehr modernen Spielauffassung und einem unfassbar guten Fabrice Moreau am Schlagzeug.

Annette Maye, künstlerische Leiterin des Festivals, brillierte im Bach-Haus in Bad Hersfeld im frei improvisierenden Duett mit dem Posaunisten Paul Hubweber. Anschließend gaben Ta Lam 11, das Großensemble des Berliner Bassklarinettisten Gebhard Ullmann mit zehn Klarinettisten und Saxofonisten sowie dem Schweizer Hans Hassler am Akkordeon, ein spektakuläres Abschiedskonzert – nach über zwei Jahrzehnten ist Schluss. Ta Lam gaben noch einmal alles. Michael Thieke und Benjamin Weidekamp loteten gemeinsam feine Dissonanzen aus – da erhob sich etwas Morricone aus dem Mingus. Als Saxofonist Vladimir Karparov ein paar Bach-Zitate in sein Solo einflocht, konnte, wer genauer hinsah, bemerken, dass ein mildes Lächeln über das Bach-Portrait in der Ecke zog.

In der Aula der Alten Universität in Fulda konnte man, wenn einem langweilig war, die prachtvollen Gemälde an Decke und Wänden begutachten – der Prachtbau wurde nämlich im 19. Jahrhundert als Kirche genutzt und ist entsprechend opulent dekoriert. Langweilig war der Balkan Clarinet Summit mit sechs Klarinettisten aus sechs Ländern allerdings keineswegs. Besonders der türkische Bassklarinettist Oğuz Büyükberber konnte mit seiner fast schon avantgardistischen Spielauffassung begeistern, zu den bewährten Kräften gehörten unter anderem Claudio Puntin und Steffen Schorn. Eindeutiger Publikumsliebling des Festivals war das Ensemble FisFüz, das eine Matinee in der Hessischen Landesmusikakademie in Schlitz gab. Von Anfang an gab es für das Programm Mozart im Morgenland lang anhaltenden Applaus, zum Schluss stehende Ovationen. Es war aber auch zu schön, wie beispielsweise in der Arie „Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln“ die Klarinette der Blonde und die Perkussion Osmin zugeordnet wurden.

Ganz zum Schluss begeisterte dann David Murray sein Publikum in der Frankfurter Brotfabrik. Ausgedehnte Soli des exzellenten Bassisten Jaribu Shahid, das Powerplay von Schlagzeuger Nasheet Waits, Klavier und Gesang (!) von Orrin Evans und ein gut gelaunter Chef, der neben Tenorsaxofon auch Bassklarinette spielte – „This is a clarinet festival, I‘ve been told“ –, machten den Auftritt zu einem reinen Vergnügen. Auf das nächste Multiphonics-Festival kann man sich jedenfalls freuen, denn so viele Facetten der Klarinette, die auf Jazzfestivals sonst selten zu hören ist, bekommt man nirgends geboten.