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muenster1In Münster standen beim Jubiläumsfestival Enkel- und Großväter-Generation Seite an Seite auf der Bühne.

 powered by jazzthetikVon Jan Kobrzinowski.muenster2Jasper van’t Hof, Patrice Héral, Markus Stockhausen © Stefan Streitz
Dieses Festival könnte für viele eine Reise wert sein – wäre da nicht die Sache mit den Karten. Schon zwei Stunden nach Beginn des Vorverkaufs waren alle Tickets vergriffen. Grund zur Freude für den Veranstalter, aber ein Ärgernis für Jazztouristen. Doch damit schon genug der Kritik: Münster machte Spaß, bot aufregende Entdeckungen und regte zu Betrachtungen über aktuelle Fragen des Jazz an. Enthusiast und Festivalchef Fritz Schmücker schlug tragfähige Brücken zwischen Großvätern und Enkeln.

Jung-Trompeterin Airelle Bessons vitale Kraft konnte sich neben so herausragenden Begleitern wie Jonas Burgwinkel (dr) und Sebastian Sternal (p) brillant entfalten; sie verzauberte und erntete Rekordapplaus. U.a. mit Akkordeon, Flöte und Vibrafon kreierte das Marius Neset Septet veritablen Powerjazz ohne stilistische Grenzen. Der junge Italiener Livio Minafra am Flügel versuchte im Duo mit der südafrikanischen Schlagzeug-Legende Louis Moholo ein Zwiegespräch über drei Generationen hinweg; Keith Tippett eröffnete am (teilweise präparierten) Flügel eine kleine weite Welt von Sounds, Kaskaden und Clustern bis hin zu andächtiger Stille, dabei stets mehr am Klang als an purer Pianistik interessiert.

Bei Westfalen-Jazz-Preisträger Michael Schiefel sind Performance und Stimme zwar Geschmacksache, seine Strahlkraft und akrobatische Musikalität beeindruckten jedoch, besonders an der Seite von Vibrafon-Schwergewicht David Friedman. Lars Danielsson sorgte mit Liberetto II für ein stimmungsvolles Highlight, bei dem e.s.t.-Drummer Magnus Öström zeigte, was das Kräftespiel zwischen Zurückhaltung und Entfaltung rhythmischer Energie bewirken kann, und Mathias Eick das Seine zum hohen Niveau der Trompetenkunst des Festivals beitrug. Jasper van’t Hof überzeugte am Flügel in starker Triobesetzung mit dem lyrisch-atmosphärischen Markus Stockhausen (tp, flh) und Energiebündel Patrice Héral an Schlagzeug und rhythmischer Stimme. Das junge englische Laura Jurd Quartet (Deutschlandpremiere), äußerlich wie eine nerdige Schülerband wirkend, schaffte es, Bitches Brew zu beschwören und dennoch unbekümmert eigene Wege zu gehen. Céline Bonacina und Band spielten eine fluffige Hommage an die Insel La Réunion. Auffallend auch hier: die hohe Qualität der Musiker, die Präzision und der ausgeprägte Sinn für Groove, dazu Tanzbarkeit, die dem Jazz manchmal guttut. Beim Auftritt des Didier Levallet Quintet war es fast rührend, wie drei junge Bläserinnen (u.a. Blesson und Bonacina zum zweiten Mal) neben zwei Männern im Großvateralter auf der Bühne standen.

Monk sei Dank gibt es sie noch, die mit dem Mut zum sperrig Kratzigen, nur muss heute jemand wie Simon Camatta mit seinem Monk-Projekt niemandem mehr etwas beweisen, sondern macht einfach sein Ding. David Helbocks Random/Control sorgte nicht nur für großen Spaß, sondern ehrte auch gleich zwei Altvordere: Monk und Hermeto Pascoal, deren Musik das Trio mit alpenländischem Humor, sportlichem Ehrgeiz und großem Erfindungsreichtum interpretierte. Der Abschluss zu Ehren von Nelson Mandela mit dem Minafric Orchestra, 18 Musiker aus Italien mit den Gästen Keith und Julie Tippett und Louis Moholo, konnte der Qualität des gesamten Festivals nicht ganz gerecht werden. Was eigentlich als fulminanter Schlussakt gedacht war, geriet etwas pathetisch. Man hatte sich im Verlauf der Tage an so viel Tightness und Klarheit der musikalischen Aussage gewöhnt, diese einstündige Performance nun litt sichtlich unter mangelnder bandinterner Synchronisation und dem auf ihr lastenden Pathos. Standing Ovations gingen letztlich in Ordnung, weil der Auftritt der Ehrung einer Generation von Künstlern und Politikern diente, die zu ehren berechtigt ist. Fazit: Der Jazz auf diesem Planeten geht weiter, mit Akzeptanz der Älteren für die jungen Wilden und umgekehrt.