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jazzdor Orchestre National de JazzIm November, wenn die Sommerfestivals verstummt sind, werden im elsässischen Straßburg den modernen Gruppen des Jazz aus aller Welt die Bühnen bereitet.

 powered by jazzthetikVon Peter Bastian.jazzdor Orchestre National de Jazzjazzdor Orchestre National de Jazz © Peter Bastian
Das Alter der Musiker spielt keine Rolle: Ob 20 oder 80, der Jazzmusiker ist per se jung, weil sich seine Musik seit über 100 Jahren immer wieder verjüngt – mal mehr, mal weniger. Schon zwischen Tom Harrell und Charles Lloyd, dem Anfangs- und dem Schlusspunkt des diesjährigen Jazzdor, ist eine riesige Spanne. Oder zwischen Michael Riessler/Pierre Charial und dem Joe Lovano/Dave Douglas Quintet, die bei der Jazzpassage in Offenburg einen Gegensatz bildeten. Wobei hier das Duo der Gewinner war. Und das New York Quartet von Tomasz Stanko einen Tag später am selben Ort war sicher auch nicht der Hammer.

Doch gute Musik gibt es immer genug bei Philippe Ochem, der sein Festival dieses Jahr dem im August verstorbenen französischen Kontrabassisten Jean-Jacques Avenel gewidmet hat. Schon das Solokonzert des deutschen Saxofonisten Daniel Erdmann war eine Perle der Klangkunst. Einen Tag vor den Feiern zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls spielte er unter anderem „Anmut sparet nicht noch Mühe“, ein Gedicht von Bertolt Brecht, das Hanns Eislers zur „Kinderhymne“ vertonte, die dann nach der Wiedervereinigung als mögliche gemeinsame Hymne gehandelt wurde. Deutsche Musiker sind bei dem Festival, das seit 2007 einen Ableger in Berlin unterhält, immer sehr willkommen. Auch „So Long, Eric“ von Alexander von Schlippenbach, Pionier des europäischen Freejazz, der mit diesem Programm den vor 50 Jahren in Berlin verstorbenen Eric Dolphy im Jenseits grüßte, war ein Höhepunkt. Die wunderbar singenden Melodien dieses wichtigen Wegbereiters der Jazz-Avantgarde wurden von dem Quintett mit Gerd Dudek und Henrik Walsdorff (sax), Antonio Borghini (b) und Heinrich Köbberling (dr) großartig interpretiert.

Zu Recht wurde der 32-jährige Saxofonist Émile Parisien in Frankreich vor Kurzem zum Jazzmusiker des Jahres gekürt. Seit Jahren strebt er nach oben. Auch sein neues Quartett mit Julien Touéry (p), Ivan Gélugne (b) und Sylvain Darrifourcq (dr) bietet ungemein spannende Musik, herrliche Kompositionen mit ständig wechselnden Unisono-Partnern. Und was für ein Groove! Thomas de Pourquerys Sextett Supersonic spielte anschließend die Musik von Sun Ra: „Love In Outer Space“ oder „Space Is the Place“ mal anders und voller jugendlicher Energie, mit Gesang und ausgeflippter Choreographie. Was allerdings der Auftritt von Olivier Pys Trio Birds of Paradise mit der Sammlung von Vogelgesängen des Komponisten Olivier Messiaen zu tun hatte, blieb ein Rätsel.

„Es gibt zwei Schlagzeuger! Ça va boumboumer!“, freuten sich zwei Kinder auf den bevorstehenden Krach beim Konzert des Klarinettisten Michel Portal mit dem Duo Double Rainbow, hinter dem sich die Drummer Edward Perraud und Franck Vaillant verbergen. Die beiden Spitzendrummer spielten hervorragend zusammen, woraus sich mitreißende Rhythmen ergaben. Das passte gut zum eh schon rhythmischen Spiel Portals, der in diesem Jahr 80 wird. Ausdruck, Virtuosität und Zusammenspiel sind grandios beim Théo Ceccaldi Trio. Er an der Geige, Guillaume Aknine, an der Gitarre und Valentin Ceccaldi am Cello sind wirklich umwerfend, waren im Juni in Berlin aber noch besser. Gleiches gilt für das neue Orchestre National de Jazz unter der Leitung von Olivier Benoît, dessen hypnotisch-minimalistische Musik aber auch in Straßburg großartig war, sowie das Duo von Joëlle Léandre (b) und Vincent Courtois (cello), das bei seiner Premiere in Berlin für das neue Label Jazzdor Series eine CD aufgenommen hatte.

Charles Mingus, der „Captain Ahab des Bebop“, konnte zwar Clowns davon abhalten, lustig zu sein, so der Saxofonist Roy Nathanson, aber die Songs des 1979 verstorbenen Bandleaders sind auch heute noch gut und für die Ewigkeit geschrieben. Nathanson und der Posaunist Fidel Fourneyron waren zu Gast beim Quintett Papanosh, das mit „Oh Yeah!“ den amerikanischen Bassisten ehrte. Es machte unglaublichen Spaß, „Peggy's Blue Skylight“ oder „Reincarnation of a Lovebird“ wiederzuhören. Aber auch die Eigenkomposition „All the Things I Could Be Now If Charles Mingus Would Be My Mother“ hatte es in sich.