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jazztageleipzig 1Die 38. Leipziger Jazztage widmeten sich heimatlichen Gefühlen.

Von Detlef A. Ott. jazztageleipzigJohn Scofield © Susann Jehnichen
In Zeiten von Flüchtlingsströmen und zunehmenden Konflikten von Heimat zu sprechen, geschweige denn ein Jazzfestival mit Sound of Heimat zu betiteln, mag zunächst ungewöhnlich oder verstörend wirken. Im Falle der 38. Leipziger Jazztage war es das Konzept des Kuratoriums ehrenamtlicher Organisatoren, sich von nationalistischen Parolen zu distanzieren und dem hierzulande zunehmenden Trend zur Intoleranz kulturelle Vielfalt und andere Töne entgegenzusetzen. Das bunte Kaleidoskop unterschiedlichster Konzerte zeitgenössischer Prägung reichte dabei von großorchestralen Klängen des estländischen Komponisten Arvo Pärt, umgesetzt vom MDR Sinfonieorchester, dem vielfältige Einflüsse verarbeitenden Bassisten Avishai Cohen mit Streichquartett und dem Oboisten Yoram Lachish, jazzigen Alpenklängen eines Matthias Schriefl mit Six, Alps & Jazz und meditativer Musik des norwegischen Pianisten Tord Gustavsen mit seinem Trio bis hin zu den ekstatischen Höhenflügen des Gitarristen John Scofield, der mit Überjam Deux in Leipzig sein einziges Deutschlandkonzert gab.

An drei Abenden war die Leipziger Oper Gastgeber herausragender Konzerte. In Kirchen und kleineren Clubs wurde der Spirit der Jazztage in andere Stadtteile getragen und in seiner stilistischen Breite unterschiedlichsten Geschmäckern gerecht. Die Leipziger Jazztage waren immer auch ein Tor zum musikalischen Reichtum im Osten Europas. Dies wurde im Abschiedskonzert noch einmal bewusst, als das polnische NuJazz-Duo Skalpel – die beiden DJs Marcin Cichy und Igor Boxx, unterstützt durch VJ Spectribe – die Heart-Beat-Abschlussparty im Schauspielhaus zelebrierten. Durchdringende Bässe, klare Beats, durchzogen von den Fragmenten legendärer polnischer Jazzaufnahmen aus den 1960er und 1970er Jahren, gefolgt von Spectribes in Echtzeit erzeugten Visuals und perfekt abgestimmten raffinierten Rhythmuswechseln, ließen im Raum eine zum Teil meditative Stimmung entstehen. Es war ein Genuss für all diejenigen, die die Verbindung zwischen nostalgischen Jazzklängen, kräftigen Beats und einer kleinen Spur zerknittertem Café del Mar zu schätzen wissen, und ganz nebenbei ein gelungener Abschluss mit Rückblick.

Tradition als das aufzufassen, was sie sein soll: Inspiration, um Neues zu wagen. Das sagte auch der 85-jährige Klarinettist Rolf Kühn am Ende eines umjubelten Konzerts mit seinem Bruder Joachim in der übervollen Michaeliskirche im Gespräch mit seinem 94-jährigen Freund und Gitarristen Thomas Buhé: „Es ist egal, wie alt man ist. Man kann immer kreativ sein. Ich glaube, wir sind jung geblieben, weil wir immer neugierig waren.“ Mit ihrem Auftritt krönten die Brüder Kühn die Leipziger Jazztage, brachten Menschen aller Generationen zusammen und feierten ein würdiges Homecoming in ihrer Heimatstadt. Was kann Musik mehr erreichen? Die nächsten Leipziger Jazztage finden vom 1. bis 10. Oktober 2015 statt und werden mit aller Wahrscheinlichkeit für manche Überraschung sorgen, ganz im Sinne von Duke Ellingtons Ausspruch: „Jazz ist die Freiheit, viele Formen zu haben.“