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jazztage lbMit einem bunten Spektrum von Klangfarben rund um den Jazz hellten die Ludwigsburger Jazztage die triste Vorvorweihnachtszeit auf.

 Von Harry Schmidt.jazztageMaceo Parker © Harry Schmidt

powered by jazzthetikAls Maceo Parker seinen euphorisch gefeierten Auftritt nach drei Stunden mit einer denkwürdigen Zugabeninszenierung beendete, war immer noch nicht Schluss: Der Altmeister und seine grandiose Band ließen es sich nicht nehmen, ihre Fans per Handschlag zu verabschieden. Dabei hatte man den Eindruck, der demnächst 72-Jährige könne jeden Moment zum nächsten Gig antreten. Die positive Energie, mit der Parker sein Hochamt zelebriert, erinnert an den Prediger einer Gospelmesse, dessen frohe Botschaft lautet: „Make it funky!“ Unaufgeregtere Virtuosen hat man selten gesehen: Im obligaten Sonntagskirchenanzug entlockt Bruno Speight seiner Gitarre die unverzichtbaren, hochfahrenden Licks, Will Boulware glänzt am Clavinet, Rodney „Skeet“ Curtis grundiert das Ganze unauffällig mit elementaren Bassläufen. Die sensationell eingespielte Band komplettierten zwei jüngere Familienmitglieder: Marcus Parker brillierte am Schlagzeug, während Darliene Parker als eine von zwei Backgroundsängerinnen bei einer Soloperformance von „Stand By Me“ Humor als weiteren Bestandteil von Funk ins Bewusstsein rief – wer sich Popeyes Olivia beim Twerking vorstellen kann, bekommt ungefähr einen Begriff davon. Dem Posaunisten Dennis Rollins war es vorbehalten, mit einer Ballade für einen wirkungsvollen retardierenden Moment zu sorgen. Kein Zweifel: einer der Höhepunkte der Ludwigsburger Jazztage 2014. Eine Sternstunde auch für die Region: Für das nach langwierigen Umbauarbeiten frisch eingeweihte Scala war es die mit Bravour bestandene Feuertaufe.

Bereits tags zuvor ein Highlight am selben Ort: der Auftritt von Wolfgang Dauner mit der aktuellen, stark verjüngten Ausgabe seines United Jazz + Rock Ensembles, das alte Hits wie „Wendekreis des Steinbocks“ mit neuem Leben füllt. Ein so waches „Ausgeschlafen“ hat man lange nicht gehört. „Ganz schön heiß Man“ stellt Dauners Sohn Florian am Schlagzeug in den Mittelpunkt, der auch sonst ein enormes Gespür für den Groove der Nummern zeigt. Ebenfalls herausragend: die Gitarrenarbeit von Frank Kuruc. Als Entdeckung erwies sich Carolyn Breuer am Saxofon – die Erinnerung an Barbara Thompson war zum Greifen nah. Und der Stuttgarter Jazzrock-Pionier am Flügel verfügt als Solist noch immer über luzide blitzende Läufe.

Kontrastprogramm, auch in Sachen Humor, am folgenden Wochenende: Die Klazz Brothers (Kilian Forster, b, Bruno Böhmer Camacho, p, und Tim Hahn, dr) haben sich unter dem Titel Classic Meets Cuba II mit dem Duo Cuba Percussion, bestehend aus Alexis Herrera Estevez und Elio Rodriques Luis, zusammengefunden. Fünf Virtuosen im weißen Frack spielen kammermusikalisch verlatinjazzte Klassikhits wie Beethovens Mondscheinsonate und Ode an die Freude, Chatschaturjans Säbeltanz oder auch Nino Rotas Filmmusik zu Der Pate. Im Sommergewitter der Vier Jahreszeiten verbinden sie rhythmischen Furor mit klassischer Raffinesse. Der folgende „Frühling“ wird zwar jazzmäßig phrasiert, aber es entsteht kein Swing. Zwischen den Stücken immer wieder komödiantische Einlagen, bei denen das hochartistische Musikkabarett manchmal in Klamauk abrutscht. Der Begeisterung des Publikums tut das allerdings ebenso wenig Abbruch wie das allein nach Gefällig- und Geläufigkeit zusammengestellte Programm.

Etwas mehr Reibungsfläche bot der Auftritt von Annett Louisan. Spürbar genießt sich die Sängerin in der in blaues und rotes Licht getauchten Wohnzimmer-Kulisse, ihr Trio entfaltet dezenten Swing. Stimmig, knüpft Louisans Musik zwischen Schlager und Chanson doch an die späten 60er an, als Jazz und Bossa in diesem Zusammenhang einen festen Platz hatten. Anzügliches und Selbstironisches verkörpert sie ebenso souverän wie Berührendes, unerschrocken ihre Fassung von Hildegard Knefs „Papillon“. Nicht alle Songs sind auf gleicher Höhe, herausragend ihre Interpretation von Chris Isaaks „Wicked Game“. Louisan ist im besten Sinne gewitzt, auch bei der Zugabe: Auf ihren ersten Hit „Das Spiel“ folgt „Spiel Zigeuner“ von Charles Aznavour.

Der Auftakt der Jazztage im Jazzclub Podium hatte ganz im Zeichen des Blues gestanden. Ignaz Netzer (g) und Thomas Scheytt (p) erkunden seit fast 30 Jahren gemeinsam die Wurzeln und Möglichkeiten der 12-taktigen Form. Indem sie die nahezu vergessene Tradition der Gitarre-Piano-Duos der 30er und 40er Jahre aufgreifen, entwickeln sie eine einzigartige, zuweilen auch eigenartige Perspektive. Eingestreut zwischen Klassiker wie „Bright Lights, Big City“ oder „Hoochie Coochie Man“ können auch Eigenkompositionen wie „Tricky Chick“ das hohe Niveau halten. Kritikwürdig dagegen die Programm-Überschneidungen: Wer bei Dauner oder den Klazz Brothers war, konnte von den parallel angesetzten Podium-Auftritten des sensibel agierenden, aber auch mal ozeanisch groovenden Cécile Verny Quartet oder des konzentriert swingenden Werner Lener Quartetts lediglich noch einen kleinen Teil des zweiten Sets miterleben.

Mehr als nur ein würdiger Abschluss war der Auftritt von Berlin 21. Die „Selbsthilfegruppe für angstfreies Musizieren“, wie sie von Bandleader Torsten Zwingenberger angekündigt wurde, sorgte für die avanciertesten Jazzmomente der Veranstaltungsreihe. Ausschließlich mit von großer Sophistication geprägten Eigenkompositionen entwirft das Quartett seinen geschichtsbewussten Modern Jazz – edgy, und manchmal auch funky. Bei der Zugabe herrschte plötzlich Groove, wo vorher noch Swing war. Jazz in dieser Qualität hält länger vor – und hallt länger nach.