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birdland 1Neue Location, andere Zielgruppe, steigende Besucherzahlen: Der Umzug der Highlight-Konzerte des Birdland Radio-Festivals von Neuburg 25 Kilometer donauabwärts ins Audi Forum nach Ingolstadt war alles andere als ein Rohrkrepierer. Bei der vierten Auflage des Events schnellte nicht nur die Zahl Besucher nach oben, sondern auch die der Konzerte.

 Von Reinhard Köchl.birdlandRoy Hargrove © Christian Wurm

Dabei fällt das Birdland Radio-Festival im vielfältigen Programm des rührigen Birdland-Jazzclubs im oberbayerischen Neuburg eigentlich kaum auf, würden da nicht regelmäßig im Herbst blaue Ü-Wagen des Bayerischen Rundfunks vorübergehend das Kopfsteinpflaster der barocken Amalienstraße blockieren. BR-Jazzredakteur Roland Spiegel hatte 2011 einen Nachfolger für das noble Luxushotel auf Schloss Elmau gesucht und ihn im traditionsreichen Club gefunden. Spiegel schätzt dabei vor allem die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Birdland-Chef Manfred Rehm. Für die Radiomacher zaubert der findige Impresario stets ganz spezielle Konstellationen aus dem Hut, die nicht nur Hörer, sondern gerade die Besucher der meist ausverkauften Konzerte immer wieder zum Staunen bringen.

Beim Auftaktkonzert von Rolf und Joachim Kühn hatten demnach alle auf einen großen Moment gehofft – und wurden von dem bestens gelaunten Brüderpaar nicht enttäuscht. Der Klarinettist und der Pianist schaffen immer wieder neue Räume für ihre kongenialen Improvisationsexkurse, in die es sich lohnt, behutsam hineinzustoßen. Ob der Wunsch der zusammen 155 Jahre alten Kühns in Erfüllung geht, die Rundfunkaufnahmen von diesem denkwürdigen Abend als Live-CD zu veröffentlichen, scheint derzeit aber mehr als ungewiss. Auch der Schweizer Tenorist Daniel Guggenheim assimilierte die besondere Atmosphäre des etwa 100 Menschen fassenden historischen Hofapothekenkeller-Gewölbes. Mit seinem New York Quartet um den gerne vernachlässigten Pianisten Peter Madsen lieferte er ein akustisch-modernes Mainstream-Œuvre, das so eigentlich nur in einem solchen Raum funktionieren kann. Ähnliches gilt für das etwas verbissen agierende Pianotrio des ehemaligen Posaunisten Lucas Heidepriem sowie die erfrischend unberechenbare Performance des holländischen Sax-Druiden Yuri Honing. Ein unerwartetes Ausrufezeichen setzte der launige Trompeter Roy Hargrove. Die überbordende Spielfreude, mit welcher der Amerikaner und sein Quintett fast drei Stunden lang agierten und Be- und Hardbop als erstaunlich zeitgemäße Spielformen aufhübschten, hätte sich mancher Veranstalter in jüngerer Vergangenheit ebenfalls gewünscht.

Die ungleichen Partner Mike Mainieri (vib) und Bobo Stenson (p) belegten bei ihrem zweiten Aufeinandertreffen, dass die Schnittmenge zwischen dem US-Fusion-Pionier und dem schwedischen Klang-Impressionisten allemal genügt, um spannende, empfindsame und tiefgehende Geschichten auf zwei Instrumenten zu erzählen. Als absoluter Gewinn müssen die Auftritte des Clayton-Hamilton Jazz Orchestra und der pfiffig-genialen Funk-Fusion-Lounge-Combo Medeski Scofield Martin & Wood im Audi Forum Ingolstadt bilanziert werden. Inmitten von Oldtimern entwickelten subtiler Power-Swing und elektrische Grooves einen ganz besonderen Reiz. Hinzu kam noch eine vierstündige Livesendung auf BR-Klassik und Bayern2 am Abschlusstag, in der ganz nebenbei noch kräftig die Werbetrommel für Neuburg gerührt wurde. Wir lernen: Jazz funktioniert auch als Tourismusfaktor. Man muss nur wissen wie.