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Mehrere Tausend Tickets verkaufen an statistisch gesehen fast die halbe Einwohnerschaft, das hört sich eher nicht nach Jazz an. Und doch gibt es Städte, die in so einen Ausnahmezustand geraten, wenn Festivalzeit ist. Savannah/Georgia zum Beispiel, Ystad in Südschweden – und das malerisch an der Salzach gelegene Burghausen.

Von Klaus von Seckendorff. Jazz für die Einheimischen, natürlich nicht nur, aber doch in erster Linie – wie kriegt sie das hin, die Interessengemeinschaft Jazz Burghausen? Zwei Zutaten dominieren das Programm, dessen Konzerte vor allem in der burghausen, Marcus Baylor g (dombr)Marcus Baylor © Ralf DombrowskiWacker-Halle stattfinden. „Rhythm Is It“ lautet eine Vorgabe, um den „ganz normalen“ (wenn auch nach 45 Festivaljahren nicht unerfahrenen) Burghausern den Jazz schmackhaft zu machen. Am besten funktionierte das beim Pianisten Monty Alexander und seinem Harlem Kingston Express. Stammgast Monty (70) ist ein Meister zweier Rhythmus-Varianten. Wenn es unwiderstehlich swingt, machen die Reggae-Experten im Doppeltrio meist Pause – und umgekehrt. Der Mann mit den weißgrauen Locken ist aus vollem Herzen Entertainer, scheut weder simple Melodien (den „Banana Boat Song“ singt er sogar) noch einen Wust witziger Zitate (Pink Panther, James Bond). Die Band hat am populären Mix einen Mörderspaß, und die Wackerhalle erlebt aus guten Groove-Gründen Standing Ovations.
Zum Seventies-Revival wurde der Auftritt der Fusion-Veteranen von Spyro Gyra. Und auch die schienen Spaß zu haben an ihrem mit brillantem Sound dargebotenen Handwerk. Aber je länger man ihrem um alles Spannende bereinigten Geflutsche zuhörte, umso schwieriger wurde es, den Jubel im Publikum nachzuvollziehen. Wer am Samstag zum Alternativprogramm mit Heinz Sauer & Michael Wollny und den Schrägbriten von Get the Blessing ging, konnte nichts falsch machen. Dies Risiko drohte umso mehr bei Rebekka Bakken und ihrem darstellerisch an Musiktheater grenzenden Umgang mit Songs von Tom Waits. Weniger des Gesanges halber, da weiß sich die nordische Elfe vom Dauerknarzer souverän abzusetzen. Sondern, wenn orchestrale Arrangements für die HR Bigband den Waits-Songs doch zum Korsett werden.
Weil die Begegnung der Band von Craig Handy mit dem Sänger Kevin Mahogany zwar von prächtigen Second Line Grooves getragen wurde, aber doch – zur Freude des Publikums – an Überstrapaziertem wie „St. James Infirmary“ oder dem „A Train“ litt, da außerdem Kenny Garrett in der ersten Hälfte seines Konzerts ein dauerlärmendes Inferno entfachte, das mit den bösen zugleich alle guten Geister austrieb, fiel das Konzert der Strata-East All Stars am gleichen Abend positiv auf. Da saß nicht jeder Ton präzise, aber Stanley Cowell, Cecil McBee, Bandboss Charles Tolliver und sein Drummer Alvin Queen (mit dem der Trompeter ein ekstatisches Duell ausfocht), knüpften so charmant kauzig an die politisch gefärbte Spiritualität der frühen siebziger Jahre ihres Labels an, dass man der einst als Soul-Lady bekannten Jean Carn den zickigen Einstieg gerne verzieh – Nostalgie pur. Der Jazz von heute findet in Burghausen vor allem beim Nachwuchswettbewerb statt, den das experimentierfreudige Trio Malstrom gewann.