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odin1Im deutschen Sprach- und Kulturraum würde der Name Odin ein Signal beinhalten, das innerhalb der Jazz-Szene wohl niemand würde aussenden wollen. Aber wir befinden uns in Norwegen. Hier ist Odin eine Referenz an uralte Geschichten, die viele kennen, und an einen Gottvater, der der fernen Vergangenheit angehört, der nicht unfehlbar ist und einäugig, aber einen großen Überblick hat.

J02 orangeVon Hans-Jürgen Linkeodin3Karin Krog © Anne Valeur

Odin war in Norwegen unter anderem der Name eines unabhängigen Tonträger-Labels. Es wurde 1981 von der Norwegischen Jazz-Föderation gegründet und bestand bis 1995. Die Gründung geschah zu einer Zeit, als es noch kaum unabhängige Tonträger-Labels in Norwegen gab und die größeren Firmen an zeitgenössischen Jazz-Projekten nur in geringem Maße interessiert waren. Einige Protagonisten des aktuellen norwegischen Jazz hatten gerade eine Heimat beim Münchner Label ECM gefunden. Aber Odin wollte den ganzen norwegischen Jazz abbilden und stützen – also nicht nur den jüngeren, nicht nur den traditionellen, nicht nur den elektrischen.

Odin hatte innerhalb kurzer Zeit einen beachtlichen Ruf und eine nachhaltige Bedeutung in Skandinavien, aber nicht international. Bei Odin fanden sowohl Produktionen von Vertretern der etwas älteren Jazzmusiker-Generation des Landes wie Thorgeir Stubø, Knut Riisnæs oder Karin Krog ihren Platz, aber bald auch von jüngeren Musikern und Gruppen wie dem Quartett Masqualero, wie Jon Balke oder auch Trygve Seim. Einige Künstler brachten bei Odin ihre ersten Produktionen heraus und wechselten dann zu ECM. Odin war das Label für den Jazz Norwegens, jedenfalls bis 1995. Dann übernahm Curling Legs den Katalog. Mittlerweile gab es mehrere unabhängige und relativ erfolgreiche Labels in Norwegen, die auch international vertrieben wurden. Sie stimmten sich untereinander ab und konzentrierten sich auf bestimmte Spielweisen und Bands. Das Projekt Odin fortzuführen, erschien um die Mitte der neunziger Jahre nicht mehr unbedingt notwendig.

Inzwischen sind mehr als zwei Jahrzehnte ins Land gegangen, die Situation im Tonträgermarkt hat sich dramatisch verändert. Der Markt für physische CDs in Norwegen ist stark geschrumpft, sagt Andreas Risanger Meland. Er arbeitet für die unabhängige Tonträger-Firma Grappa, zu der mehrere Sub-Labels gehören und unter deren Dach Odin jetzt einen Neuanfang unternehmen wird. „Ihr in Deutschland habt sogar noch Glück gehabt“, sagt er. „Bei uns in Norwegen gibt es ein weiträumig ausgebautes schnelles Internet, und der Musikmarkt findet zu einem beträchtlichen Teil via Streaming statt.“ Es sind, schätzt er, kaum mehr als zehn Prozent des Musikmarktes, die sich auf die alten Vertriebswege und Produktformen stützen. Und dabei spiele die gute alte Langspielplatte inzwischen wieder eine durchaus gewichtige Rolle. CDs werden inzwischen überwiegend nach Konzerten verkauft. Und die alten Plattenläden? Nur ein Beispiel: In Haugesund, wo Risanger Meland wohnt, habe es bis in die 90er Jahre drei Schallplattenläden gegeben. Davon ist heute einer übrig geblieben, der einen großen Teil seines Umsatzes mit gebrauchten CDs und Langspielplatten realisiert. Die Leute, sagt Andreas Risanger Meland, sind einfach nicht mehr gewohnt, CDs in einem Laden zu kaufen. „Und wenn ich heute zu IKEA gehe und ein CD-Regal kaufen will, dann heißt das Möbelstück nicht mehr CD-Regal, sondern Media-Regal“, sagt er. In ganz Norwegen gibt es heute noch ungefähr 40 Schallplatten-Läden.

In dieser Situation soll also das alte Label Odin aus seinem fast ein Vierteljahrhundert währenden Winterschlaf geweckt und zu neuer Blüte geführt werden? Aber klar, sagt er. Er sieht zwei odin2Atomic © Fredrik LjungkvistGründe dafür. Erstens ist da die in den großen Zeiten angesammelte enorme Backlist von CDs und Schallplatten. Die Archive sind gut gepflegt, das eingespielte Material von guter Qualität, die Musiker sind nach wie vor prominent. Die Reaktivierung der Backlist wäre nach all den Jahren ein wichtiges Anliegen. Odin wird alles sorgfältig bearbeiten und vieles parallel auf CDs und Langspielplatten herausbringen. Unter dem ersten Wiederveröffentlichungs-Schwung finden sich Aufnahmen mit Don Cherry und Ed Blackwell, Trygve Seim, Christian Wallumrød, Radka Toneff und Masqualero. Die Sängerin Karin Krog, eine der Legenden der norwegischen Szene, hat einst für die Veröffentlichung ihrer eigenen Musik das Label Meantime Records gegründet. Zusammen mit Meantime hat Odin zu Karin Krogs 80. Geburtstag eine Box mit sechs CDs produziert, die einen Rückblick und einen aktuellen Ausblick auf ihr künstlerisches Profil und ihre große Karriere unternimmt: The Many Faces of Karin Krog 1967 – 2017.

Ein Tonträger-Label aber, und hier sieht Andreas Risanger Meland den zweiten gewichtigen Grund für die Neubelebung, kann nicht nur von der Vergangenheit zehren, es muss sich auch der aktuellen Musik zuwenden. Odin eröffnet diesen Strang seiner zukünftigen Aktivitäten mit der Veröffentlichung einer neuen Produktion des norwegisch-schwedischen Quintetts Atomic. Six Easy Pieces erscheint parallel in einer CD- und einer LP-Edition. Die erste Auflage enthält als Bonus eine Live-Aufnahme der Band aus Tokio im Februar 2016.

Es kommt darauf an, auf der Basis der alten Schätze nach neuen zu suchen. Dann hat Odin, davon ist Andreas Risanger Meland überzeugt, gute Chancen in Norwegen und international.