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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

Christoph Irniger Pilgrimpilgrim
Big Wheel Live
Intakt / Harmonia Mundi
****
Schon auf seinem letzten Studio-Album Italian Circus Story konnte das Quintett Pilgrim des Schweizer Tenorsaxofonisten Christoph Irniger als wagemutige Band, die sich etwas traut, überzeugen. Auf dem neuen Live-Album fällt die Musik glatt noch reichhaltiger, noch gewagter aus. Pilgrim bewegt sich in den sechs langen Songs in viele Richtungen, nimmt sich Zeit, Stimmungen und Atmosphären auszukosten, ohne dabei jedoch die Gesamtdramaturgie der Stücke zu vernachlässigen. Dabei werden kleinteilige Rhythmen mit variantenreichen Instrumentalpassagen so verzahnt, dass es fast unmöglich ist, musikalische Entwicklungen vorauszusagen. Irniger, Gitarrist Dave Gisler und Pianist Stefan Aeby ergänzen sich vorzüglich, sind aber auch immer bereit, Verantwortung zu übernehmen. Dabei können sie sich auf Schlagzeuger Michi Stulz und den Bassisten Raffaele Bossard verlassen, die fintenreichste Wendungen originell ausgestalten, natürlich für Überraschungen gut sind, aber eben auch bei der Sache bleiben, wenn es notwendig ist. Man braucht ein Faible für den freien Jazz, um diese Ausnahme-Band genießen zu können, aber zumindest die feine psychedelische Ballade „Ending At the District“ dürfte auch so manchem gefallen, der sich sonst in dieser Ecke des musikalischen Spektrums selten herumtreibt.
Rolf Thomas

Various Artists
Steve Reich „Six Pianos“ / Terry RileyKeyboard Study
Film Recordings
*****
Wenn sich mehrere gefeierte Meister einer grenzüberschreitenden repetitiven Musik Steve Reichs Paradestück Six Pianos widmen, darf man Großes erwarten. Und tatsächlich bringen Gregor Schwellenbach, Hauschka, Tobias Brandt, Paul reichFrick, Erol Sarp und John Kameel Farah ihre Botschaft treffsicher auf den Punkt. Die hier angetretenen Tastenkünstler wissen bestens, wie es geht, dass auf Anhieb jede Nervenzelle beim Hörenden wach wird. Im gemeinsamen Miteinander formt sich unter diesen insgesamt zwölf Händen eine ständig wiederholende Textur, aus der schließlich ein unwiderstehliches, vibrierendes Design erwächst. Immer ist es ein hauchdünner Grat, auf dem Genialität entsteht und sich Wirkung entfaltet. Jeder gelungene Technotrack beruht auf dieser Formel. Sechs Klaviere vereinen sich in der Behandlung dieses Sextetts zum rundlaufenden, vorwärtstreibenden Motor. Da lebt bestens die Magie des strikten Kontinuums mit sorgsam dosierten Steigerungen. Betonungen werden subtil verändert – mal kommt irgendwo eine Sechzehntelnote dazu. Im Idealfall reicht ein zusätzliches Intervall, um neue gewaltige Tore aufzustoßen. Eine Keyboard Study von Terry Riley markiert auf dieser CD den knochentrockenen Kontrapunkt zum vorher exzessiv ausgelegten minimalistischen Groove des Steve Reich. Erweitert um elektronische Delays agiert nun Gregor Schwellenbach für sich allein. Die Magie des Ungleichzeitigen wird innerhalb des statischen Kontinuums noch radikaler auf die Spitze getrieben. Schwellenbachs messerscharf präzisen Betonungen ist es zu verdanken, dass sich wie in einem Vexierbild mehrere konträre Muster herauslösen. Und es wirkt es fast übermenschlich, wie der Kölner mit den ganzen Akzentverschiebungen, Betonungswechseln und Überlagerungen verfährt.
Stefan Pieper

David Crosby
Lighthouse
Ground Up / Universal
****(*)
Das muss Liebe beim ersten Treffen gewesen sein: Singer/Songwriter-Legende David Crosby wurde vom Kopf des Snarky-Puppy-Kollektivs, Bassist Michael League, als Gastsänger für das Album crosbyFamily Dinner Volume 2 eingeladen. Daraus resultierte die Zusammenarbeit an Crosbys neuem Soloalbum, seinem erst fünften Studioalbum als Solokünstler in einer unfassbaren Karriere. Crosby und League haben sich am Anschluss an die Family Dinner-Aufnahmen getroffen, um ein paar Songs zu schreiben – eine Zusammenarbeit, die Crosby ins Schwärmen bringt, da alles miteinander verwoben und nicht mehr erkennbar war, wer Text und wer Kompositionen voranbrachte. Die beiden nahmen in – für Crosby – Rekordzeit auf, nach zwei Wochen war Lighthouse fertig. Was für ein Album! Die Texte sind mitreißend, bilden eine perfekte Symbiose mit der Musik. Crosby und League haben einen ganzen Ozean an Sounds eingespielt, Gitarren und akustische Bassgitarren, Vocals und Backing Vocals mit kleinen Einsprengseln von Hammondorgel saugen den Zuhörer in die Songs. Crosby schrieb unter anderem Liebeslieder für seine Frau Jan oder ein aufrüttelndes Stück über die in Griechenland strandenden Flüchtlinge aus Syrien („Look in her eyes, they are human beings“). Dass eine mittlerweile 75-jährige Singer/Songwriter-Legende eine so jung klingende Stimme haben kann, hat mich tief beeindruckt. Lighthouse wird lange vorne im CD-Schrank stehen bleiben, denn so gute Musik kombiniert mit so eindrücklichen Texte findet man selten.
Angela Ballhorn