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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

 

East Drive & Tamara Lukasheva east drive
Savka i Griška
Dreyer-Gaido / Note 1
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Das Trio East Drive lädt ein auf einen schönen Trip zwischen östlichem Singer-Songwriting und lockerem Jazz-Rock. Gemeinsam mit der ukrainischen Sängerin Tamara Lukasheva pflegen sie auf ihre Weise das Erbe der osteuropäischen Kinderlieder und transformieren und dekonstruieren respektvoll die Folklore mit den Mitteln von Jazz, Rock und Indie-Pop. Nachdem alles leicht und flockig im Folk-Duktus begonnen hat, spitzen sie die Sache stets mit großem jazzigen und improvisatorischen Können zu, ohne dass alles zu sehr wie ein Projekt wirkt. East Drive, das sind Bodek Janke, der unglaublich vitale deutsch-polnische Schlagzeuger/Perkussionist, der Ukrainer Vitaliy Zolotov mit geschmack- und druckvoller Gitarrenarbeit und der deutsche Bassgitarrist Philipp Bardenberg, der einen lebendig groovenden, aber profunden Boden liefert. Dazu steht eine Gruppe „Weggefährten“ aus Streichern und Bläsern zur Verfügung, um die Wirkung schon vorhandener Klangfarben geschmackvoll zu vertiefen. Die groovig-jazzige Mischung wirkt an keiner Stelle zu sehr darum bemüht, Genres zu vermischen, sondern spielt mit ihnen, ohne dass man sich beim einen oder anderen zu sehr aufhalten muss. Die Türen im Hause Dreyer-Gaido stehen weiter offen für west-östliche Spaziergänge und Experimente an den Grenzlinien zwischen Neuer Musik, Pop, Jazz und Weltmusik.
Jan Kobrzinowski


I Am Threemingus
Mingus Mingus Mingus
Leo / NRW
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„I am three“ formulierte Charles Mingus sein Lebensmotto. Ich bin ich und zugleich ganz viele – das ist ein Satz, der durchaus treffend den zerrissenen Charakter von Charles Mingus umschreibt. Aber wo Mingus seine Musik meist in großen Besetzungen realisierte, gehen Silke Eberhard, Nikolaus Neuser und Christian Marien den umgekehrten Weg. Auf ihrer neuen Veröffentlichung wird der Mingus-Sound auf ein knochentrockenes minimalistisches Format heruntergebrochen. Direkter und schonungsloser kann man die Intensität der Mingus‘schen Themen wohl kaum ins Heute verpflanzen. Einen gewichtigen Anteil hat hier das Schlagzeugspiel von Christian Marien. Es spiegelt voll und ganz zeitgenössische Auffassungen wider, bei denen sich das Schlagzeug als umfassendes Gestaltungsmedium und handlungstragendes Subjekt in einem Bandkontext emanzipiert hat. Auf einem solchen Fundament und in abwechslungsreichen spielerischen Höhenflügen bringen Silke Eberhard (Altsax) und Nikolaus Neuser (Trompete) die bluesgesättigen Mingus-Themen verblüffend direkt auf den Punkt. Nicht nur der ewige, in zahllosen Coverversionen auch heute noch unsterbliche Blues „Goodbye Pork Pie Hat“ erfährt seine raffinierte Bearbeitung: Eberhard und Neuser lassen die Melodie singen und atmen, derweil Marien allein durch ein vibrierendes Becken genug atmosphärische Dichte erzeugt, so dass einmal mehr jede Bigband überflüssig erscheint.
Stefan Pieper


Manfred Becker Ensemble
Klangräume
O-tone-music
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Nein, Jazz ist das eigentlich nicht, obwohl sehr viel über thematisches Material improvisiert wird. Rhythmik und Dynamik, Thema-Solo-Thema-Abfolgen sind nicht die Kriterien und Formen, nach denen sich Improvisationen hier organisieren. Es geht eher um ein gemeinsames Atmen im gemeinsamen Raum. Es geht auch um Tonvorräte und Skalen und ihre Verwendung – und es geht um den Klang: ein Akkordeon (Manfred Becker), das sich (ohne Tonabnehmer) aus großer Nähe belauschen lässt, während es mal nach Musette, mal nach Orgel, mal erst auf den zweiten oder dritten Ohrenblick akkordeonhaft klingt; ein Holzbläser (Wollie Kaiser), der auf tiefen Instrumenten (Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bassflöte) weiträumig obertonreich Klanggebilde mit tiefen Resonanzräumen entstehen lässt; ein Cellist (Julien Blondel), der eine ungemein elegante und vielschichtige Tonkultur pflegt, der immer wieder überraschend abhebt, aber auch mal den Walking Bass gibt; und schließlich ein Perkussionist (Joe Bonica) am Drum Set, der offenbar ein ausgezeichneter Zuhörer ist und sich in feinen Schwingungen bewegt. Manfred Becker ist einer der raren Akkordeonisten im deutschen Jazz. Sein Album Klangräume versammelt neun von ihm selbst geschriebene Stücke und überlässt sie einem Quartett, das keine Sekunde der Musik an den Geist des Floskelhaften verschenkt. Es wird kein Ton gespielt, dessen Notwendigkeit nicht klanglich begründbar wäre; keine Farbe aufgetragen, die eine andere überdeckt.
Hans-Jürgen Linke