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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

 

Akku Quintetakku
Aeon
morpheus / Broken Silence
*****
Was ist da in der Schweiz los? Eidgenossen wie Nik Bärtsch und seine Ronin-Freunde, Sonar oder das Trio SchnellerTollerMeier machen das kleine Land zu einem Zentrum der Experimente mit ostinaten Patterns und großformatigen Sound-Flächen – in der Tradition von Eric Satie, Minimal Music und Post-Rock. Vielleicht sind es die Berge, die hier fast überall die Aura von Ewigkeit ausstrahlen? Das junge Berner Akku Quintet um den Schlagzeuger Manuel Pasquinelli (der schon von Sonar bekannt ist) nennt jedenfalls sein neues (drittes) Album Aeon – das ist ein Zeitalter, also eine ziemlich lange Strecke. Und schon der Titeltrack dehnt sich über eine Viertelstunde aus, in drei Teilen wächst hier die Band langsam zusammen, vom Gitarren-Pattern (Markus Ischer) über die Piano-Melodie (Maja Nydegger) bis zu Bass (Andi Schnellmann) und Schlagzeug, die einen neuen, komplexeren Rhythmus installieren. Und schließlich spannt ein Tenorsaxofon (Michael Gilsenan) den gemeinsamen Bogen darüber. Hier sind Akku tatsächlich näher an den DIY-rockigen Tortoise und Sonar als am strengen Zen-Funk von Ronin, und das ist auch gut so. Natürlich hat auch Manuel Pasquinelli die „Ritual Groove“-Workshops in Nik Bärtschs Zürcher Exil-Club besucht – aber mit Aeon zieht er seine eigenen Konsequenzen. „Man muss definitiv kein Jazzer oder Liebhaber komplizierter Strukturen sein, um dieses Quintett zu lieben“ zitiert die Bandwebsite stolz das „Alpenfeuilleton Innsbruck“. Stimmt: Man muss nur Zeit haben. Viel Zeit.
Tobias Richtsteig


Nils Wogram Root 70wogram
Luxury Habits
nwog / Edel:Kultur
****
Bereits seit siebzehn Jahren führt der Posaunist diese in unveränderter Besetzung bestehende Band an. Dabei klingt sie in keiner Weise eingefahren oder gar lustlos. Vielmehr spürt man auf dem achten Album von Root 70 eine große Spielfreude und kann hören, wie alle vier Musiker sich in dieser Zeit entwickelt haben, an ihren Instrumenten gewachsen sind und dadurch ihr Zusammenspiel locker, vertrauensvoll wurde. Doch diese Ungezwungenheit im Umgang verleitet Wogram, Hayden Chisholm, Matt Penman und Jochen Rueckert nicht dazu, in eine Musik zu verfallen, die von hemmungsloser Vergnügtheit geprägt ist. Vielmehr bietet Luxury Habits Musik, die mit dem Begriff „Gewohnheiten“ ironisch spielt. Denn hier verabschiedet man sich von den oft zu ernsten Konzepten, wie sie manche Protagonisten des deutschen Jazz ihren Werken so ausdrücklich andichten, aber ohne die immer gültigen Ausdrucksweisen des Jazz zu vergessen. Darum bezieht sich Wogram & Co‘s Befreiung von Einschränkungen darauf, Stücke aufgenommen zu haben, die erstens ihren Spaß, ihre Lust und Risikofreude an der Loslösung von kompositorischer Ernsthaftigkeit vermitteln und zweitens den Begriff Zeit mit ungemein lässiger Musik entschleunigen.
Olaf Maikopf


Jean-Paul Brodbeck Triobrodbeck
Extra Time
Yellowbird / Soulfood
***
Der Pianist Jean-Paul Brodbeck lässt eigentlich nichts anbrennen. Mit elf bekam er ersten Klavierunterricht, zehn Jahre später beendete er sein Jazzstudium. Als er mit einem Stipendium für ein halbes Jahr nach New York kam, hatte er nach 5 Monaten seine Eindrücke in ein Album verwandelt. Nicht nur in seiner Heimat Schweiz gehört er zu den gefragtesten Musikern, ein Duo mit Elina Duni zählt genauso wie das Johannes Enders Quartett oder die Band mit dem Grand-Seigneur des alpenländischen Saxofons, Andi Scherrer, zu seinen Aktivitäten. Natürlich lehrt der Mittvierziger Brodbeck auch als Professor Jazz in Luzern. Jetzt hat er sich etwas Extra Time gegönnt. Jedenfalls heißt so die neue CD, die erste mit seinem neuen Trio: Den Schlagzeuger Claudio Strüby hat er bei Andi Scherrer getroffen, Bassist Lukas Traxel studierte in Luzern, hat aber auch schon seinen ersten New-York-Aufenthalt hinter sich. Seit 2015 spielt das Trio zusammen – und das hört man ihrer Musik auch an. Da wird nicht mit rockigen Beats oder dröhnenden Ostinati versucht, das Piano-Trio nochmal neu zu erfinden. Zum Glück. Hier stehen zwar keine alten Standards im Mittelpunkt, aber wie man als Trio „singt“: Diese Tradition retten die Schweizer in die Gegenwart. Zeitlos gut.
Tobias Richtsteig