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jorgo1 00001Jorgo Schäfer setzt improvisierte Musik in Malerei um.





Von Steve Dalachinsky jorgo2"Mat Maneri & Jo Maneri", Sketchbook, Vision Festival 2003

Der Wuppertaler Maler und Grafiker Jorgo Schäfer ist seit 17 Jahren Artist in Residence beim New Yorker Vision Festival, dem weltweit wichtigsten Festival für Freejazz, Dance, Poetry und Visual Arts. Der New Yorker Dichter und Schriftsteller Steve Dalachinsky hat mit Jorgo Schäfer über dessen Werdegang und künstlerische Arbeit gesprochen.

Steve Dalachinsky: Kannst du deinen künstlerischen Werdegang kurz beschreiben?

Jorgo Schäfer: Mein professioneller künstlerischer Weg begann 1970 an der Werkkunstschule Wuppertal. Die WKS war zu dieser Zeit eine hoch angesehene Schule mit Tradition. Die traditionellen Kunsttechniken und -philosophien wurden dort gelehrt. Mein Semester bestand aus 15 Studenten. Wir hingen Tag und Nacht zusammen, die Einflüsse der 68er-Bewegung rüttelten uns durch und bescherten uns vier freie, gute Jahre.

Steve Dalachinsky: Wann erwachte dein Interesse an Jazz und Improvisation?

Jorgo Schäfer: Sofort, als ich im Winter 1969/70 nach Wuppertal kam. Es war die richtige Zeit am richtigen Ort: der Beginn der Roaring Seventies in Wuppertal. Wuppertal begann, sich zur Freejazz-Hauptstadt in Europa zu mausern, gleichzeitig betrat Pina Bausch mit ihrer Companie die Tanzbühne im Wuppertaler Opernhaus und begann ihre Weltkarriere – zwei Eindrücke, die mich nie mehr losgelassen haben.
Im Jazzclub Aderstraße lernte ich alle Protagonisten der jungen Wuppertaler Freejazz-Szene kennen, und später kam mit den regelmäßigen Workshops des Globe Unity Orchestra die Freejazz-Avantgarde der Welt nach Wuppertal.

Steve Dalachinsky:
Wann hast du angefangen, zu Livemusik zu malen?jorgo3"3x Maria Mitchell", Tusche, Acryl auf Papier, 40cm x 30cm, Vision Festival 2003

Jorgo Schäfer:
Erst verhältnismäßig spät – im Jahr 2000 beim Vision Festival in New York. Im gemeinsamen Atelier mit meiner Lebensgefährtin Ulle Hees fanden ab den 80er Jahren immer mal wieder Sessions statt, wenn Peter Kowald mit anderen Musikern Proben angesetzt hatte. Da haben wir beide viel skizziert. Aber richtig angefangen, das „Watching with my ears“ zu einem Schwerpunktthema meiner künstlerischen Arbeit zu machen, habe ich erst 2000. Peter hatte mich nach dem Ende seiner Amerika-Tournee zum Vision Festival eingeladen. Es war der wunderbare Beginn einer intensiven Begegnung mit den Künstlerinnen und Künstlern von Arts for Art, die mein Leben nachhaltig beeinflusst hat.

Steve Dalachinsky:
Wie war dein Verhältnis zu Peter Kowald und was ist dein Engagement bezüglich Peter Kowalds Atelier, das jetzt ein Platz für Artists in Residence geworden ist?

Jorgo Schäfer:
Peter Kowald habe ich Ende 1969 kennengelernt. Er hat mich nachdrücklich an den Freejazz herangeführt und meine Liebe dafür geweckt. Die Musik war zu dieser Zeit sehr ungestüm, anarchistisch und respektlos. Es wurde nicht selten Material von Hanns Eisler und Kurt Weill verwendet und „zerspielt“. Das passte gut in die Zeit der 68er-Bewegung. In der Folge wurden wir Freunde, hatten eine griechische Zeit zusammen und lebten für 18 Jahre im gleichen Haus. Nach Peters Tod war ich jorgo4"Requiem", Tusche, Acryl auf Papier, 150cm x 100cm, 2004Gründungsmitglied der Peter Kowald Gesellschaft / ort e.V., die seit über 13 Jahren im ehemaligen Atelier von Peter erfolgreich Veranstaltungen durchführt. In den vergangenen Jahren habe ich viele Künstler als Artists in Residence nach Wuppertal eingeladen. Die regelmäßige Teilnahme am Vision Festival hat mich auch jenseits der Musik sehr stark verändert. Im Besonderen der erstmalige Kontakt zu einer African-American Community hat mich beeindruckt und meinen Blick auf die amerikanische Gesellschaft positiv beeinflusst.

Steve Dalachinsky:
Je Schlanger [Maler, Bildhauer und Chronist der New Yorker und der US-amerikanischen Jazz Szene] sieht sich als Zeitzeuge, der sich am Prozess beteiligt und die Musik dokumentiert. Siehst du dich auch in dieser Rolle?

Jorgo Schäfer:
Nein, ich habe einen anderen Zugang. Eric Dolphy sagte seinerzeit, ich versuche, die Musik festzuhalten, ich gebe dem Moment eine visuelle, greifbare Form. So bewahre ich etwas auf, was nicht aufzubewahren möglich erscheint. Ich lasse mich vom Sound leiten und gebe mich ganz dem Moment hin: vom Ohr zum Herzen zur Hand zum Pinsel aufs Blatt. Ein Prozess, bei dem es mir nicht um Wiedererkennbarkeit der Musiker oder des Veranstaltungsortes geht. Es geht mir um die Energie des Augenblicks und was sie auslöst – in den Musikern, in mir, im Publikum. Es geht mir um die Dialektik von Bewegung und Ruhe, Anspannung und Entspannung. Die gleichzeitige Konzentration auf die Musik und mein eigenes künstlerisches Tun löst immer wieder ungeahnte Glücksgefühle aus, anders als beim reinen Zuhören. Zu Hause in meinem Atelier entstehen im Nachklang zum Festival regelmäßig großformatige Arbeiten auf Leinwand.

Steve Dalachinsky:
Erzähle etwas über deinen jährlichen Jazz-Kalender! Was inspiriert dich dazu? jorgo5Jorgo Schäfer

Jorgo Schäfer:
Seit acht Jahren produziere ich den Jahreskalender Sound & Time – sechs farbige Holzschnitte, handgedruckt, signiert und nummeriert, in kleiner limitierter Auflage. Unter dem Titel Vision, Sound & Time bringe ich immer ein paar Exemplare mit zum Vision Festival. Meistens sind es Titel aus meiner persönlichen Hitliste, die ich dafür visualisiere.

Steve Dalachinsky:
Magst du abstrakte Kunst und arbeitest du manchmal abstrakt?

Jorgo Schäfer:
Ich fange mit Beginn der Musik an zu arbeiten und höre auf, wenn der letzte Ton verklungen ist. Erst wenn das Saallicht wieder angeht, sehe ich das Ergebnis, das mehr oder weniger im Halbdunkel entsteht. Dieser „Blindflug“ führt mich nicht selten zur Abstraktion – das ist auch gut so und so gewollt. Keine Korrekturen, kein Nacharbeiten mehr, nur noch signieren, vorausgesetzt es ist eine gute Arbeit, eine gute visuelle Improvisation.