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heinz sauer Isabel Franke 1Heinz Sauer hat, wie immer seit 85 Jahren, am ersten Weihnachtstag Geburtstag. Es gibt vielleicht sinnvollere Anlässe für einen Text. Andererseits muss es sein, auch wenn Heinz Sauer das nicht besonders schätzen wird. Geburtstagsglückwünsche sind alternativlos und müssen ausgesprochen werden. Bringen wir es hinter uns: Lieber Heinz, zu deinem 85. Geburtstag die allerherzlichsten und wärmsten Glückwünsche der JAZZTHETIK-Redaktion.

Von Hans-Jürgen Linkeheinz sauer Isabel Franke 2© Isabel Franke

Als Heinz Sauer im Jahre 1932 in Merseburg – in die Geschichte eingegangen auch als Fundort heilkräftiger frühmittelalterlicher Zaubersprüche – geboren wurde, lag die Stadt noch mitten in Deutschland, nicht sehr weit südlich von Halle an der Saale, wo Georg Friedrich Händel geboren wurde, und etwas weiter entfernt von Köthen, wo Johann Sebastian Bach von 1717 bis 1723 als Kapellmeister des Fürsten Leopold angestellt war. Als Heinz Sauer 13 wurde, war es mit diesem Deutschland weitgehend vorbei. Unruhige Zeiten brachten ihn irgendwann in die Rhein-Main-Region, wo nach dem Krieg der amerikanische Jazz eine Heimstatt gefunden hatte.

Studiert hat Heinz Sauer Physik, nicht Musik. Jazz vermittelte sich damals noch über andere Bildungsinstitutionen als heute. Seit über 60 Jahren gehört er nun zu den profiliertesten prägenden Musikern der deutschen Jazz-Szene. Das soll erst einmal jemand nachmachen. 1956 machte er bei einem Amateurmusiker-Wettbewerb auf sich aufmerksam, sammelte danach seine Erfahrungen – wie eigentlich alle Musiker seiner Generation – zunächst in Ami-Clubs und dann in einer sich zunehmend eigenständig entwickelnden deutschen Szene. Recht früh entschied er sich für das Tenorsaxofon als Hauptinstrument, das ihm – wie kein anderes Instrument und wie keinem anderen Musiker – einen enormen Reichtum an Klangvariationen ermöglicht. Ab 1960 war er für 15 Jahre Mitglied der Bands um Albert Mangelsdorff. Er ist seit dessen Gründung Mitglied im Jazz-Ensemble des Hessischen Rundfunks, das er seit eh und je als Experimentierfeld und Klangkörper für seine eigene höchst originelle kompositorische Arbeit nutzt.

Er gründete die Voices und trat und tritt regelmäßig mit eigenen Projekten auf dem Deutschen Jazz Festival in Frankfurt auf. Er arbeitet immer noch, wie seit eh und je, an der Weiterentwicklung seines Stils, seiner Technik, an der Tonbildung, an einer verfeinerten, ausdrucksintensiven und absichtsvoll mehrdeutigen Heiserkeit in der Saxofon-Stimmführung. Und er bevorzugt kleinere Formationen. Nach vielen Jahren, die von Quartett- und Trio-Projekten geprägt waren, arbeitet er mittlerweile häufig im Duo mit jüngeren Musikern – seit auch schon wieder 18 Jahren mit Michael Wollny, mehrfach auch mit Valentin Garvie – oder tritt solo auf. Seit inzwischen elf Jahren gibt es immer in den ersten Januartagen in der Frankfurter Romanfabrik das chronisch schon wochenlang vorher ausverkaufte Neujahrskonzert des Duos Heinz Sauer/Michael Wollny. Hier kann man sich jedes Jahr auf den aktuellen Stand bringen.

Heinz Sauer ist das, was man einen Musician’s Musician nennt, ein Musiker für Musiker. Als 1991 zum ersten Mal der Hessische Jazz-Preis verliehen wurde, war es der Fachjury ein einhelliges Bedürfnis, ihn an Heinz Sauer zu geben. Viele Musiker der jüngeren Generationen sprechen mit tiefem Respekt von ihm, weil er ein Vorbild an Konsequenz, Disziplin und Ernsthaftigkeit ist. Wie nur wenige andere Musiker hat Heinz Sauer am Klang gearbeitet. Dabei ist es ihm weniger um die Entwicklung eines Personalstils gegangen als vielmehr um Anreicherung des tönenden Augenblicks. Ein Ton klingt bei ihm nie wie eine gespielte Note. Ein Ton ist immer ein individuell definierter und artikulierter Moment, der nie wiederkehren wird. Im Laufe der Jahre ist sein Spiel immer reduktionistischer geworden. Längere, kompliziert konstruierte Tonfolgen haben sich abgeschliffen und sind zu prägnanten Kürzeln konzentriert, bei denen die nicht gespielten Noten genauso wichtig und fast genauso hörbar sind wie die gespielten, bei denen nichts an Komplexität verloren gegangen ist, nur die alten tonalen Selbstverständlichkeiten sind überflüssig geworden: Heinz Sauer spielt nur noch, was gespielt werden muss und sich nicht von selbst versteht, und er verwendet seinen Atem, um das Nicht-Selbstverständliche so intensiv und deutlich wie nur möglich zu artikulieren. Weil er das schon seit längerer Zeit macht, schwingt bei ihm immer eine lange, tief und klar empfundene und gelesene Geschichte mit – Musikgeschichte, Jazz-Geschichte, eigene Geschichte.

Hans-Jürgen Schaal, der ihn „die unbeugsame Instanz im deutschen Jazz“ genannt hat, beschreibt Heinz Sauers Saxofon-Spiel sehr treffend: „Es scheint, als spräche sein Saxofon ausschließlich vom eigentlich Unsagbaren, vom Unheil der Welt, der Unmöglichkeit der Liebe, der Unausweichlichkeit der Gegenwart. Sauer löst die Regeln der Jazz-Phrasierung von innen her auf, seine Linien zerreißen in bizarre Flächen und Punkte, da wird gegen den Jazz angespielt – mit Jazz.“

Das nächste Neujahrskonzert in der Frankfurter Romanfabrik wird am 6. Januar stattfinden. Es dürfte inzwischen ausverkauft sein. Und alle, die kommen, werden etwas hören, was sie noch nie gehört haben.