Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

 Joachim Meyerhoffhoerbucht0117 2
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – live
Random House Audio
****
Wer gerne Talkshows guckt, konnte ihm nicht entgehen: Fast überall war der Schauspieler Joachim Meyerhoff zu Gast, um mit einnehmender Persönlichkeit und ausladenden Bewegungen von seiner autobiografischen Trilogie zu berichten, deren dritter Teil der Roman Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist. In ihm geht es um einen entscheidenden Teil seiner Berufswerdung, nämlich die Ausbildung auf der Münchner Schauspielschule, die es für ihn notwendig machte – Meyerhoff stammt aus Norddeutschland –, nach München zu ziehen. Zu seinem Glück leben dort seine Großeltern, kurzerhand zieht er bei ihnen ein. Die Großmutter war einst selbst Schauspielerin, der Großvater ist Professor der Philosophie im Ruhestand. Die großbürgerliche Atmosphäre – der Genuss von Alkohol spielt eine große Rolle im Alltag des liebenswerten Pensionistenpärchens – beschreibt Meyerhoff mit viel Sinn für skurrile Detail, gleichzeitig erlebt er die Zeit an der Otto-Falckenberg-Schule als permanente Überforderung. Da gehört es zu den Übungen, Spaghetti im kochenden Wasser zu spielen oder eine Szene aus Effi Briest als Nilpferd darzustellen – Aufgaben, mit denen Meyerhoff wenig anfangen kann.

Auf den ersten Blick sympathisch sind Meyerhoffs Großeltern nicht. Die Großmutter ist eine echte Diva, die in ihrer eigenen Welt lebt und sich gerne zu Rezitationen bitten lässt, bei denen sie dann kein Ende findet. Ihr Mann liest ihr morgens aus der Zeitung vor und ist ansonsten ein eifriger Stichwortgeber seiner exaltierten Gemahlin. Aber die vielen Rituale, mit denen sie ihre eigentlich leeren Tage gestalten, lassen sie dem Zuhörer ans Herz wachsen. Dazu zählt vor allem die zügige Aufnahme von Alkohol: Morgens um neun gibt es ein Glas Champagner, abends um sechs die tägliche Whisky-Ration und nach dem Abendessen (und währenddessen) fließt der Rotwein. Auch die Schwerhörigkeit des Großvaters ist für so manche komische Anekdote gut. „Der Gipfel der Absurdität war erreicht, wenn ich mit meinem Großvater telefonierte und meine Großmutter von weit weg etwas rief, was er falsch an mich weitergab. Ich hörte meine Großmutter rufen: ‚Hermann, bitte frag‘ ihn doch, ob er noch Kerzen hat!’ Und daraufhin sagte mein Großvater zu mir: ‚Ich soll Dir sagen, dass sie noch Schmerzen hat.‘ Ich antwortete: ‚Ja, ich glaube oben, im Sekretär.‘ Und mein Großvater nach einer Pause mit leicht besorgter Stimme: ‚Junge, wovon sprichst Du?‘“

Das alles erzählt Meyerhoff mit Leidenschaft, Verve und Lebendigkeit – nur für bare Münze nehmen sollte man nicht unbedingt alles. Nicht umsonst bezeichnet der Schauspieler seine Erinnerungen als Roman.
Rolf Thomas