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J03 greenDekretin
A decree a day keeps the migrant away? Jeden Tag ein Dekret. Wenn dieses Magazin Ihres Vertrauens erschienen ist, das Jubiläums-Magazin, 30 Jahre Jazz und Anderes, wird die Trump-Müdigkeit ihren Zenit längst überschritten haben. Stetes Dekret höhlt den Kopf, und die alternative Realität aus dem Weißen Haus, die Parallelität dieses US-Universums macht jede Satire obsolet. Satire kann da nicht mehr Schritt halten, verliert den Boden der Phantasie unter den Füßen. Weshalb hier auf gar keinen Fall über Donald Trump geschrieben werden wollte … theoretisch. Macht ja auch gar keinen Sinn. Schließlich geht es hier um Hörbücher, die aber auch gar nichts mit dem Untergang des Abendlandes zu tun haben, mit der Monstranz dieses selbst gewählten Realitätsverlusts. Oder vielleicht doch? It’s the end oft the world as we know it. Auch in der Hörbucht… Björn Simon

Roger Willemsenhoerbucht cover willemsen2
Wer wir waren
Gelesen von Christian Brückner
tacheles! / Roof Music
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Roger Willemsen
… liest Deutschlandreise
tacheles! / Roof Music
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Diese Stimme fehlt. Das ist der erste Gedanke, hört man sich die jetzt posthum erschienene Hörbuchfassung seiner „Deutschlandreise“ an, die Roger Willemsen 2001 und 2002 kreuz und quer durch die Republik unternommen hat. Kurz vor Umberto Eco, kurz nach David Bowie ist der deutsche Publizist und Fernsehmoderator im Februar 2016 an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben. Im Gegensatz zu so vielen bedeutenden Stimmen des Zeitgeschehens klangen die Diagnosen des weltläufigen Jazz-Liebhabers nie bedeutungsschwanger. Willemsen wollte kein literarisches Orakel sein wie Günter Grass, auch kein elitärer Mahner wie Botho Strauß, kein kulturpessimistischer Analytiker wie Theodor W. Adorno. Der raunende Tonfall des Wichtigtuers ist ihm bei aller Lust an feuilletonistischer Zuspitzung zeitlebens fremd geblieben. Stattdessen hat er die Figur des Intellektuellen, die er par excellence verkörperte, entstaubt. Entsprechend groß bleibt die Lücke, die sein Tod hinterlässt. Man kann also auch als Trost auffassen, dass hier die Möglichkeit besteht, noch einmal Willemsens unnachahmlicher Diktion zu folgen, diesem sanften, leicht singenden Sound, mit dem er seinen pointierten Beschreibungen und Urteilen jede reißerische Schärfe nahm, ihn noch einmal in seinem ureigensten Element, dem essayistischen Reisebuch, zu erleben: „Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutschland.“ Die freundlich-wohlwollende Aufmerksamkeit, die er der Welt und den Menschen entgegenbringt, verbindet sich mit scharfsichtiger Beobachtungsgabe und einem hellwachen Verstand, der gar nicht anders kann, als Bonmots am laufenden Band zu produzieren: „Am meisten Zukunft haben Menschen ohne Vergangenheit.“ In hellsichtiger Montage seiner Aufzeichnungen von Erlebnissen, Situationen und Erinnerungen, einem Mix aus Gesprächen mit Taxifahrern und Mitreisenden, Werbebotschaften und Namensversprechen mit dem daran geknüpften Widerhall von Reflektionen gelingt Willemsen ein dichtes Porträt seiner sprachlichen Heimat, das in seinen besten Momenten zu einer Art poetischem Sarkasmus findet. Ob auf Rügen, in Rostock, Eisleben oder Heilbronn: „Man wird die Ironie nicht los. Sie ist keine Eigenschaft des Geistes, sondern der Sachen.“ Mit „Wer wir waren“ erscheint außerdem der Nukleus jenes Buches, an dem Willemsen zuletzt arbeitete. Basierend auf mehreren Redefassungen, liegt mit diesem Versuch, die Welt aus der Perspektive der Zukunft zu betrachten, Willemsens melancholischster und ernsthaftester Text als literarisches Vermächtnis vor. Dass er in der prominenten Stimme von Christian Brückner erklingt, vermittelt nur noch eindringlicher, wie sehr sie fehlt: die Stimme von Roger Willemsen.
Harry Schmidt