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J03 greenWarum wohl eher Männer dereinst am Untergang des Planeten schuld sein werden als Frauen, Favoritenwette, liegt nicht nur an Typen wie Jürgen Dose, die mit ganz eigenem Panorama und anarchischem Optimismus nicht viel mehr kaputtmachen können als jegliche Kommunikation und Ernsthaftigkeit. Sondern – an vorderster Front – eher an jenen Alphamännchen an der evolutionären Spitze ihres Geschlechts, die mit brachialem Ego, maximaler Gier und jener gefährlichen Hybris aus Macht und Stolz nur in einem berechenbar sind: in ihrem „Nach mir die Sintflut“ und „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“. Wenn die Welt im Nichts versinkt, weil sie den Menschen ja irgendwie loswerden muss wie eine schlimme Krankheit – „Gesundheit!“ –, wird es dennoch tragikomisch. Die Jürgen Doses der Zukunft sind live dabei und kommentieren den Overkill lustig vor sich hin näselnd aus dem Off. Ach, wenn wir das nur heute schon hören könnten, in schauriger „Vorfreude“… Mehr Visionen! Mehr Mann! Ein Trio zu fünft – plus Jürgen Dose, das Original –, das klingt schon mal wie ein Anfang. In der Hörbucht… Björn Simon


Heinz Strunkhoerbucht0517 heinz strunk

Jürgen
tacheles! / Roof Music
***(*)
Seit seinem Roman Der goldene Handschuh, in dem es um den Massenmörder Fritz Honka und dessen bevorzugte Absturzkneipe geht, gilt Heinz Strunk als literarisch satisfaktionsfähig. Zuvor hatte das Feuilleton den Autor, der schon mit Fleisch ist mein Gemüse einen Bestseller und eins der komischsten Bücher in deutscher Sprache verfasst hatte, nur mit spitzen Fingern angefasst, denn was komisch ist, hat in diesen Kreisen oft auch den Beigeschmack des Leichtgewichtigen. Mit seinem neuen Roman Jürgen, den Strunk auch gleich selbst eingelesen hat, wird er diese Zweifler wohl wieder auf den Plan rufen, denn er recycelt hier mit Jürgen Dose eine Figur, die er schon einmal für das Hörspiel Trittschall im Kriechkeller verwendet hat. Schon damals war das nur für jene uneingeschränkt komisch, die keinen Sinn für die tragischen Existenzen haben, die Strunk mit Vorliebe porträtiert.

Auch in Jürgen treibt Strunk mit dem Entsetzen Spott, denn Jürgen Dose führt ein Leben, das an Monotonie wohl kaum zu überbieten ist. Er sitzt als Aufsicht in einem Hamburger Parkhaus und kümmert sich zu Hause um seine pflegebedürftige Mutter, seine wenigen sozialen Kontakte beschränken sich auf die kratzbürstige Pflegekraft – Schwester Petra – und seinen einzigen Freund Bernd, der im Rollstuhl sitzt. Mit dem unternimmt er immer wieder zum Scheitern verurteilte Versuche, sich dem anderen Geschlecht zu nähern, darunter ein deprimierendes Speed-Dating und eine groteske Breslau-Fahrt eines Eheanbahnungs-Instituts, bei dem die Probanden mit eilig angeheuerten Prostituierten abgespeist werden. Erstaunlich ist, wie fröhlich das trotz allem klingt, denn Strunk schildert alles aus der Perspektive des Protagonisten – und der ist ein „reiner Tor“, wie er im Buche steht. Mit blödsinnigem Optimismus und geradezu aufgekratzter Stimme schildert Strunk alias Jürgen eine öde Begebenheit nach der anderen, wirft dabei mit Plattitüden und reichlich angejahrten Redewendungen nur so um sich – unter anderem feiern „anno dunnemals“, „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und „Ladies first, James Last“ fröhliche Auferstehung – und steht nach den erschütterndsten Niederlagen einfach wieder auf.

hoerbucht0517 1Wie Strunk diesen Prekariats-Kosmos mit ein paar eisern durchgehaltenen stimmlichen Tricks zum Leben erweckt – Bernds Stimmfärbung etwa klingt, als würde er unablässig mit Cola gurgeln –, das macht ihm so schnell auch keiner nach.
Rolf Thomas