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Hanya Yanagiharahoerbucht 0717
Ein wenig Leben
Gelesen von Torben Kessler
Hörbuch Hamburg
****(*)

Dieses Hörbuch muss man wollen. Gleich einem „Projekt“, auf das man sich einlassen will, einlassen können muss – nicht etwa, weil Ein wenig Leben von Torben Kessler so hervorragend interpretiert und vorgetragen wird. Schon eher wegen des Umfangs der gesamten Lesung von fast 34 Stunden, aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Plot dieses wuchtigen Romans der US-amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Hanya Yanagihara fordert Leser und Hörer mit seinen Themen und Perspektiven heraus, überschreitet auch Grenzen des Erträglichen. Doch um es vorwegzunehmen: Es lohnt sich, sich darauf einzulassen. Auf eines der meistdiskutierten Bücher der letzten Jahre.
Ein wenig Leben komprimiert und entzerrt in geschickt verschachtelten Rückblenden die lebenslange Verbindung und Freundschaft von vier New Yorkern, die einander als Zimmergenossen am College kennenlernen. Zentrale Figur ist Jude St. Francis, als gut aussehender und erfolgreicher Anwalt ebenso voller Geheimnisse im Mittelpunkt der Geschichte stehend wie voller Selbsthass und Misstrauen. Als Kind ausgesetzt, in Heimen und einem Kloster aufgewachsen und früh sexuell missbraucht, wird Jude im Alter von 15 Jahren von einem Arzt, seinem letzten Peiniger, zum Krüppel gemacht, ehe ihm die Flucht in ein besseres Umfeld gelingt. Hier kann Jude aufs College gehen – und drei Freunde finden, mit denen er sein Leben lang verbunden bleiben soll.

Da ist mit dem behütet aufgewachsenen Jean Baptiste Marion, der nur JB genannt wird, ein Künstler, der in der Malerei mit Porträts von seinen Freunden reüssiert und sich mit diesen Werken in der Kunstszene etablieren soll. Da ist Malcolm Irvine, der ein erfolgreicher Architekt werden soll – und der „Normalste“ und damit vielleicht sogar Langweiligste des Quartetts. Und da ist – last but not least – der wenig ehrgeizige, aber umso freundlichere Willem Ragnarsson, der ein erfolgreicher Schauspieler werden soll – und in den Vierzigern der Lebensgefährte von Jude. Willem muss damit klarkommen, dass seine große Liebe Jude ihm nur Bruchstücke und Fragmente aus den schlimmen Tagen seiner Kindheit anvertraut und Willem ihm zu keiner Zeit über die traumatisierenden Erlebnisse der Vergangenheit hinweghelfen kann. Judes Misstrauen und Selbsthass scheinen unüberwindbar – sogar als sein Professor ihn nach seinem Jurastudium adoptiert, verweigert er als mittlerweile Erwachsener in den Dreißigern die Erkenntnis, dass es in seinem Umfeld Menschen geben soll, die ihn für einen guten Kerl halten, ihn sogar aufrichtig lieben, ohne Vorbehalte, ohne Hintergedanken.
Retrospektiven, in denen die Geheimnisse um Judes Schicksal gelüftet werden, sind oft schwer zu ertragen, vor allem die vor Gewalt und exzessivem Leid strotzenden Rückblenden und die Konsequenzen dieses Martyriums aus Missbrauch und Schmerzen für Jude in der Gegenwart. Einer der wenigen Menschen, die seine wahre Geschichte kennen, ist der Arzt Andy – das gemeinsame Ringen der beiden um eine Therapie und hilfreiche medizinische Maßnahmen ist für den Zuhörer fast ebenso zermürbend wie für die Figuren. Erst als Jude bereit scheint, seine Geschichte selbst zu erzählen, endet dieser ergreifende Roman über Liebe und Freundschaft.
Mortimer Bedford