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Keyboarder Lars Duppler wandelt auf Solopfaden, zieht dafür den Stecker und präsentiert sich akustisch und ungeschminkt.

Von Christoph Wagnerduppler2 jan erting© Jan Erting

Lars Duppler ist ein Pianist der Kölner Szene. Er hat dort an der Musikhochschule studiert und sich seit 20 Jahren in der Domstadt als brillanter Tastenmusiker einen Namen gemacht – ob in eigenen Projekten oder als Sideman. Nach seinem elektrischen Island-Bandprojekt Rætur (Lars’ Mutter stammt aus dem nordeuropäischen Land) hat sich Duppler jetzt dem akustischen Solospiel zugewandt. Der Pianist schätzt die Kontraste.

Christoph Wagner: Du warst in den letzten Jahren mit verschiedenen Gruppen aktiv. Jetzt spielst du solo. Warum?
Lars Duppler: Generell gilt das Solospiel ja als die Königsdisziplin der Pianisten. In meinem Fall war es aber ungeplant, eher dem Zufall geschuldet. Als meine Tochter geboren wurde, habe ich mir ein paar Wochen freigenommen und bin jeden Tag in den Proberaum. Es war Sommerloch, wenig los, also Wartezeit: Das habe ich genutzt. Es gibt hier in Köln ein schönes Klavierstudio gleich um die Ecke, wo ich wohne. Da kann man sich einmieten. Die hatten einen tollen Steinway-Flügel, und da habe ich täglich gespielt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich zwei, drei Stücke hatte, die sich gut für ein Soloprogramm eignen würden. Ich verfolgte das weiter, habe in meinem Kompositionsskizzenbuch noch nach anderen Ideen geschaut und dann Stücke im Hinblick auf ein Klaviersoloprogramm fertiggeschrieben.
Christoph Wagner: Deine Solomusik klingt zurückgenommen, eher beschaulich.
Lars Duppler: Ich hatte immer die Vorstellung, um solo aufzutreten, müsste man ein Tastenlöwe wie Simon Nabatov sein, russische Klavierschule, der ein Liszt-mäßiges Feuerwerk abbrennen kann. Ich bin ja ein ganz anderer Pianistentyp. Als ich mich dann mit dem Solospiel beschäftigte, habe ich bemerkt, dass es auch anders geht. Ich habe zwei Soloauftritte organisiert, um das einmal auszuprobieren, und habe gemerkt: Das funktioniert! Viele meiner Stücke sind eher kleine Miniaturen: kontemplativ, schöne Klangfarben – diese Richtung. Wenn ich live spiele, geht‘s natürlich dazwischen auch schon mal energischer zur Sache. Ich bin froh, einen Weg zum Solo gefunden zu haben, der mir entspricht.
Christoph Wagner: Gibt es Einflüsse?
Lars Duppler: Ich habe mich länger mit der spätromantischen Klavierliteratur beschäftigt, mit Komponisten wie Arthur Honegger, Lutosławski, Frederic Mompou. In deren Kompositionen finden sich Akkorde, die auch für Jazzmusiker interessant sein können. Davon ließ ich mich inspirieren. Dazu kommt: Als Student habe ich viel Paul Bley gehört. Auf den ECM-Platten aus den 70ern gibt es viele sehr schöne ruhige Stücke, die wunderbar funktionieren und die mich lange begleitet haben.
Christoph Wagner: Wie entstehen deine Stücke?
Lars Duppler: Vieles entwickelt sich in der Improvisation. Manchmal, wenn ich diesen Luxus des ungezielten Übens habe, stoße ich auf kleine Figuren, Akkordfolgen, die mir interessant erscheinen und an denen ich dann weiter rumprobiere. Daraus können sich schöne Sachen ergeben. Ich sammle diese Ideen, notiere sie und arbeite irgendwann daran weiter. Das geht nicht an einem Tag – braucht Zeit! Manche Stücke spiele ich sehr lange, immer wieder und wieder, schiebe bestimmte Teile herum, streiche auch Parts, neue Ideen kommen dazu, bis es irgendwann passt.
Christoph Wagner: Was ist für dich die Attraktivität des Solospiels? Das kann ja auch eine recht einsame Angelegenheit sein.
Lars Duppler: Deswegen habe ich das Album Naked genannt. Als Solist kann man sich nicht hinter einer Band verstecken. Man sitzt da ganz alleine. Nach 20 Jahren Ensemblespiel war das eine Herausforderung. Das war spannend. Wenn der Raum komisch klingt oder irgendetwas am Flügel nicht stimmt, muss ich den Karren selber aus dem Dreck ziehen. Niemand kann helfen. Ich habe gerade beim Winterjazz in Köln gespielt – ein Soloset vor Mitternacht. Da waren 250 Leute im Saal, darunter die ganzen Kölner Pianistenkollegen. Da habe ich kurz gedacht: „Warum tust du dir das an?“ Aber genau das habe ich ja gewollt: mich ungeschützt dem Röntgenblick der Szene aussetzen. Jazzquartett – das kenne ich nach 20 Jahren aus dem Effeff. Das Solospiel war dagegen das Gegenteil von Routine.
Christoph Wagner: Du hast in letzter Zeit viel mit Fender-Rhodes-Piano gearbeitet, auch mit Synthesizern. Hat das den Hunger auf akustische Klänge geweckt?
Lars Duppler: Nach Jahren mit akustischem Ensemblejazz hatte ich das Fender-Rhodes für mich entdeckt. Es war wie ein neues Hobby. Ich hab geschaut: Was kann man da machen mit Effekten. Da habe ich mich richtig reingekniet. Aber dann kamen bald nur noch Anrufe von Leuten, die einen Rhodes-Pianisten für ihre Groove- oder Boogaloo-Band suchten. Das wurde mir auf die Dauer zu einseitig. Ich hab dann die Bremse gezogen. In den Bands von Niels Klein (Tubes & Wires) und Benny Greb (Moving Parts) spiele ich weiterhin Rhodes. Alles andere mache ich wieder akustisch. Das ist ja das Schöne am Musikerberuf: Man kann selbst die Richtung bestimmen und entwickelt sich sogar weiter dabei.

Aktuelle CD:
Lars Duppler: Naked (GLM / Soulfood)