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Die Schweiz ist ein vergleichsweise kleines und vergleichsweise begütertes Land. Die Wege sind kurz, die Musiker kennen, die Stile mischen, die Anregungen verdichten sich vergleichsweise schnell und intensiv. Von Deutschland aus gesehen, erscheint die Schweiz als ein bergiges und zugleich urbanes Paradies für Jazzmusiker. Und in diesem Jahr ist die Schweiz Partnerland der Bremer Messe jazzahead!

 Von Hans-Jürgen Linkejazzahead2 c nicolasmassonElina Duni © Nicolas Masson

Der Musikbetrieb eines Landes funktioniert am besten, wenn Musiker von dem, was sie tun, einigermaßen leben können und daher unabhängig sind von musikfremden Brotberufen oder kommerziellen Zwängen. Das gilt für jede Art von Musikbetrieb und also auch für die improvisierte Musik und den Jazz. In dieser Hinsicht scheint die Welt in der Schweiz halbwegs in Ordnung zu sein. Gerüchte, die gelegentlich über die Grenze dringen, enthalten Berichte von einer generösen Jazzförderung, einer regen Festival-Kultur, einem zugewandten und international aufgeschlossenen Publikum und einer daraus folgenden kreativen Unaufgeregtheit der Szene.

Tatsächlich scheint in der Schweiz einiges besser zu sein als in Deutschland. Die Kulturförderung ist, genau wie hierzulande, Sache der Bundesländer, die in der Schweiz etwas kleiner sind als bei uns und Kantone heißen, und der Kommunen. Darüber hinaus aber gibt es eine spezielle Förderung für Projekte, die über Sprachgrenzen hinweg Gemeinsamkeiten stiften. Und Sprachgrenzen gibt es in der Schweiz mit ihren vier Landessprachen gleich mehrfach. Der Gedanke, ihre musikalische Überschreitung zu fördern, gilt zwar im ganzen Land, dient aber tatsächlich vor allem dem Austausch zwischen der französischsprachigen („welschen“) und der deutschsprachigen Schweiz und hat hier eine sehr positive Wirkung entfaltet.

Die Schweiz hat mehrere große Jazzfestivals und eine rege Musiker-Szene, und ihre markante Internationalität entsteht allein schon dadurch, dass Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien nie allzu weit entfernt sind. Das Festival, das sich mit der Aufgabe betraut hat, jeweils eine Werkschau aktueller Schweizer Projekte zu liefern, ist das im grenznahen Schaffhausen. Der Gitarrist Urs Röllin ist dessen Begründer und künstlerisch verantwortlicher Leiter. Er ist außerdem Mitglied der Kulturkommission des Bodenseerates, des Schweizer Musik-Syndikats und der Werkstatt für Improvisierte Musik in Zürich. Den künstlerischen Zustand des Jazz in der Schweiz sieht er insgesamt recht positiv. Auch die Fördersituation im Lande findet er, nun, durchaus günstiger und vielleicht auch etwas großzügiger, „verglichen mit euch“, wie er gelegentlich sagt. Obwohl man natürlich immer einiges findet, was man besser machen könnte oder sollte, und obwohl natürlich nirgends der Luxus ausgebrochen ist, auch nicht in der Schweiz. Wie überall ist der Bedarf immer größer als die Möglichkeiten, ihn zu decken. Die Regierungsbeteiligung einer rechtskonservativen Partei in der Schweiz bilde für die Jazzförderung zurzeit keine erkennbare Gefahr, sagt Urs Röllin. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Förderpraxis im Lande ein erfolgreiches Modell ist. Erfolgreiche Modelle abschaffen zu wollen, wäre sicher zurzeit kein populäres politisches Programm.

Für die Auswahl der Bands, die bei der kommenden jazzahead! die Schweiz repräsentieren werden, war eine unabhängige Jury maßgeblich. Während der sogenannten Swiss Night in Bremen spielen Christoph Irniger und die Band Pilgrim, das Colin Vallon Trio, das Elina Duni Quartet, Julian Sartorius, Luca Siseras Quintett Roofer, Plainstow, das beliebte Quintett pommelHorse und die Zürcher Band Weird Beard. In den acht Formationen der Swiss Night sind demnach überwiegend Schweizer Musiker vertreten, die einer jüngeren Generation zuzurechnen sind, was im Jazz bekanntlich nicht ganz das Gleiche bedeutet wie in anderen Musikrichtungen. Die Swiss Night wird ergänzt durch einen Gala-Abend im Konzerthaus Die Glocke am 22. April mit zwei der zurzeit erfolgreichsten Schweizer Jazz-Exportschlager, nämlich Nik Bärtsch‘s Ronin und Andreas Schaerers Band Hildegard lernt fliegen.

Dass gegen die Auswahl der Bands für die Bremer Auftritte Kritik laut wird und nicht alle Schweizer Musiker mit der Auswahl der Jury zufrieden sind, versteht sich fast von selbst. Es wäre eher erstaunlich, wenn es da in einem quirligen, vielgestaltigen Biotop wie einer Jazzszene einen Konsens gäbe. Jüngeren Musikern auf einem internationalen Parkett eine Chance zu geben, ist dennoch eine ehrenwerte Orientierung für die Auswahl. Man kann kaum ernsthaft dagegen sein. Natürlich wären auch andere Kriterien möglich gewesen, etwa das Projekt, ein repräsentatives Abbild der Schweizer Szene zu liefern und damit auch den älteren Musikern eine Chance einzuräumen. Man hätte auch einen Akzent auf innovative oder gewagtere Projekte setzen oder Bands von Schweizer Jazzmusikerinnen vorziehen können. All das hat sich nicht durchgesetzt. So ist die Schweiz auf der jazzahead! des Jahres 2016 jung – verglichen mit uns.

Termine:
jazzahead!, Bremen, 21.-24.4. (Messe), 7.-24.4. (Festival)