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Es klingt einfach und ist doch so schwer: die permanente Permutation des Klangs, das beständige Neuentdecken, Neudenken, Neuberühren. Das französische Kollektiv Ping Machine hat sich dieser Aufgabe verschrieben und verfolgt sie seit fast zehn Jahren unermüdlich.

Von Thomas Kölschping2© Didier Contant

Ist das noch Jazz, oder kann das schon weg? Diese Frage sollte man Frédéric Maurin, dem Mastermind hinter der Band, gar nicht erst stellen. „Es ist Musik, und das allein zählt“, sagt er im Interview kurz vor den Aufnahmen zu einem neuen Album. „Ich mag diese Labels nicht. Wir sind einfach sehr offen für alles, passen nicht in eine schöne kleine Schublade.“ Vielleicht kann man es gerade deswegen doch als Jazz bezeichnen? „Vielleicht. Und auch, weil die Improvisation für uns ein ganz zentrales Element darstellt. Aber Jazz im engeren Sinne? Da wird es schwierig.“ Stimmt. Stilistisch ist Ping Machine schon längst weiter als die Summe ihrer Vorbilder, hat jene Mischung aus moderner und zeitgenössischer Musik sowie Jazz zu einem besonderen musikalischen Fluidum vereint, in dem das 15-köpfige Ensemble sich bewegt wie ein Schwarm Fische im Wasser. „Was mich so an den Komponisten des 20. Jahrhunderts fasziniert, an Strawinsky, Ligeti, Stockhausen oder auch John Cage, ist die Art, wie sie Klang behandeln“, erklärt Maurin. „Während meines Studiums musste ich natürlich auch klassische Komposition lernen – und damit konnte ich nur sehr wenig anfangen. Aber die modernen Vertreter haben das System geöffnet, Grenzen aufgebrochen und begonnen, Musik in ihrer reinsten Form zu spielen.“ Als organisierten Klang.
So schichtet die Ping Machine seit einer Dekade tonale Blöcke auf- und nebeneinander, greift mal auf den gesamten Klangkorpus des Orchesters zurück und bleibt doch oft ganz leise, dezent, fast schon unscheinbar. Auch das Nichtvorhandensein von Tönen kann hörbar sein. Permanent greifen Komposition und Improvisation ineinander, überall herrschen Kontraste. Und Konfrontation. „Ja, manchmal kämpfen die Musiker in gewisser Weise auch gegeneinander“, gesteht Maurin. „Die Spannung muss ja erhalten bleiben. Für das neue Album habe ich ein 70-Minuten-Stück komponiert. Da muss jeder Part reizvoll und einzigartig sein, damit die Leute nicht irgendwann abdriften.“ Kontinuierliche Stimulation also? „In gewisser Weise ja. Ich versuche alles Mögliche: Ich stecke sie zum Beispiel in Situationen, die sie nicht erwarten. Und natürlich lasse ich gewisse Passagen ganz bewusst offen.“

Dabei hilft es, dass die Ping Machine im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt wurde. „Angefangen hat es damit, dass wir acht Leute waren, die sich auf die Abschlussprüfungen am Konservatorium vorbereiten mussten“, erinnert sich Maurin. „Damals konnten wir natürlich noch keine Grenzen durchbrechen, das konnten wir auch vor fünf Jahren nicht. Jetzt so langsam sind wir auf einem Niveau angekommen, in dem ich mir über derartige Sachen keine Sorgen mehr machen muss. Ich kann tun, was ich schon immer tun wollte, und mit weit offenem Geist komponieren.“
Einige Wochen später, die Aufnahmen sind gerade vorbei, hat sich an dieser Begeisterung nichts geändert. Ganz im Gegenteil: „Ich habe immer Musik komponiert, die für den jeweiligen Moment zu schwer war. Jetzt aber hat die Band es durchgezogen, zu unserer allgemeinen Begeisterung. Jeder hat verstanden, was los war, und die Soli klangen alle so herrlich natürlich. Ich hatte Angst, dass die etwas steif geraten, weil der rhythmische Rahmen mitunter extrem anspruchsvoll ist, aber alle haben sich der Musik geöffnet und etwas Wunderbares geschaffen.“ Begeistert wirkt Maurin, wenn auch ziemlich müde. Alle zusammenzuhalten, die ganze Zeit fokussiert zu sein, das kostet viel Kraft. Andererseits: „Wir haben alles aufgenommen, was ich zuletzt geschrieben habe, so dass wir jetzt Material für zwei CDs haben. Einmal den 70-Minüter, den wir wie schon bei früheren Alben auf mehrere Tracks aufsplitten werden, und drei weitere kurze Stücke.“ Kurz, das bedeutet bei Maurin um die 15 Minuten – es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

„Was genau wir mit dem ganzen Material machen, müssen wir sehen. Ende November werden wir alles abmischen und dann eine Entscheidung treffen. Ich würde ja gerne eine Doppel-CD machen, aber so etwas ist im Jazzbereich sehr selten. Das verkauft sich halt nicht so gut.“ Gerade in jener Nische, in der die Ping Machine sich dreht und langsam aber sicher evolviert, Klangräume schaffend, in denen Musiker sich vollkommen frei ausdrücken können und doch immer Teil eines großen Ganzen sind. „Viele Menschen wollen keine seltsamen Klänge, aber das ist doch eigentlich Unsinn“, sagt Maurin. „Wenn wir spielen, kommt das ganz tief aus uns heraus, ist das Emotion in ihrer reinsten Form.“ Das ist, wie für eigentlich jeden wahren Musiker, die Essenz seines Tuns. „Genau. Meine Musik ist für mich das Wichtigste in meinem Leben, aber zugleich erscheint sie anderen oft vollkommen sinnlos.“ Daher also der Name Ping Machine? „Ja. Da habe ich in der Tat an Monty Python gedacht. Die haben in einem Sketch ein Gerät, das nichts anderes macht als ,Ping‘. Vollkommen nutzlos und doch zugleich unglaublich wichtig.“ Und, wenn man sich auf die französische Weiterentwicklung Maurins einlässt, extrem reizvoll und faszinierend. Was in so einem „Ping“ alles drinsteckt …